Manfrieds Trelleborg - Wikingerüberfall auf Duisburg

Der Wikingerüberfall auf Duisburg

Ein Artikel von Siglinde Litilvoelva

 

Kaiser Ludwig der Fromme hatte die Macht, die sein Vater Karl der Große innehatte, nicht erhalten können. Als nach dem Tod Ludwigs (840) seine Söhne die gemeinsame Herrschaft antreten sollten, brach ein offener Bruderkrieg aus. Schließlich einigten sich die drei Brüder 843 im Vertrag von Verdun, die fränkische Monarchie aufzuteilen.

 

Duisburg Anno 883

Oppidum Duisburgum (Stadt Duisburg) Anno 883

Rhein, Maas und Mosel gehörten zu dem von Kaiser Lothar regierten Mittelreich "Lotharingen", das sich in seiner Nord-Süd-Ausdehnung von der Nordsee bis zum Mittelmeer erstreckte. Das sächsische Siedlungsgebiet dagegen gehörte zum fränkischen Ostreich, so dass die Grenze zwischen diesen beiden Reichen unmittelbar am Ostrand des Niederrheins verlief.

Die Reibereien der Nachfolger im Reich Karls des Großen machten es den dänischen Normannen ("Wikingern") leicht, in die Herrschaftsgebiete einzufallen. In beiden Reichen waren sie eine ständige Gefahr. Über den Rhein erreichten die Wikinger im Januar 843 Xanten. In Neuss errichteten Sie auf der Rheininsel ein befestigtes Lager.

Erst im April 843 konnten die Normannen von den Truppen Lothars und Ludwig des Deutschen aus Xanten und Neuss vertrieben werden. Um von den Eindringlingen zukünftig verschont zu werden, versuchte der König den Frieden durch Tributzahlungen zu erkaufen.

 

Doch bereits 864 zogen die Wikinger wieder an den Niederrhein. Nachdem sie von der Issel erneut vertrieben werden konnten, tauchten sie 879 wieder den Rhein hinaufziehend auf.

Die Normannen zerstörten den Handelsplatz Birten und richteten sich bei Nimwegen ein Winterlager ein. Das geschwächte Königshaus blieb ohnmächtig. Der Gaugraf von Hamaland legte auf dem Eltenberg 880 eine Burg an, um sich vor den Raubüberfällen zu schützen.

Im Jahr 883 setzten sich die Wikinger zum Überwintern in Duisburg fest. Erst im Frühjahr 884 zogen die Eroberer ab und hinterließen dabei nur verbrannte Erde.

Der Abt Regino von Prüm berichtet über den Normanneneinfall des Jahres 883 in seiner Chronik "Regionis abbatis Prumensis chronicon":

"In diesem Jahr fuhren die Normannen, die aus Dänemark ins Kememerland (im Norden der Provinz Holland) gekommen waren, mit Zustimmung Godefrieds zu Schiff den Rhein hinauf, und nachdem sie das oppidum Diusburh besetzt hatten, errichteten sie in diesem Ort eine Befestigung in der ihnen gewohnten Weise und verblieben dort den ganzen Winter. Gegen sie errichtete der Herzog Heinrich (von Ostfranken) ein Heerlager und ließ sie keine Beutezüge unternehmen. Als die Frühlingszeit wiederkam, verbrannten sie das Lager und zogen sich in die Küstengebiete zurück."

Neben diesem Hinweis haben weitere Chronisten die damaligen Ereignisse sowie die frühe Geschichte der Stadt Duisburg niedergeschrieben. Aus diesen Aufzeichnungen entstand der nachfolgende Bericht:

 

Vor vielen hundert Jahren stand in Duisburg ein hohes und mächtiges Königsschloss, die Tuiskoburg. Ihre starken Mauern und gewaltigen Türme spiegelten sich in den Fluten des Rheins der in ihrer Nähe vorüber floss. Die Schiffer und Kaufleute , die auf ihren Handelsfahrten das Königsschloss zu Duisburg wegen seiner Pracht und Größe bewunderten, trugen die Kunde davon stromauf und stromab zu den Bewohnern der Länder am Rhein und schließlich auch zu denen der fernen Meeresküste.

Als die dort wohnenden räuberischen Normannen von dem Reichtum erfahren hatten, der in dem Schloss am Rhein bei Duisburg verborgen war, beschlossen sie in ihrer Habgier, es zu erobern und auszuplündern.

Eines Tages stiegen sie in ihre schmalen, schnellen Boote und ruderten und segelten über das wilde Meer. Sie fuhren durch die Mündung des Rheins stromaufwärts bis zur Mündung der Ruhr. Hier machten sie ihre Boote am Ufer fest, umstellten die Stadt Dispargum in einem großen Kreis und versuchten, die Wälle und die darin eingerammten, angespitzten Holzpfähle zu übersteigen. Doch die heldenhaft kämpfenden Mannen des Königs konnten die Räuber abwehren. Schließlich öffneten sie die Stadttore und machten einen Ausfall. Es gelang ihnen, die Normannen bis zum Ufer des Rheins zurückzutreiben. Die Flüchtenden sprangen in ihre Boote und erreichten bald mit heftigen Ruderschlägen die Mitte des Stromes. Dann ließen sie ermattet die Ruder sinken. Aus der Ferne hörte man die rauen Nordlandkrieger rufen: „Wehe, wenn wir wiederkommen!“ Der König und seine Mannen lachten über das laute Geschrei der enttäuschten Feinde und begaben sich in den Innenhof der Burg, um ihren Sieg bei Wildbretbraten und schäumenden Met zu feiern. Zur Zeit der Mitternacht erreichte das Fest seinen Höhepunkt. Dann legten sich die Mannen berauscht und ermattet im Schloss zur Ruhe.

Da flogen plötzlich von alles Seiten Feuerbrände über die Palisadenwand am Rande der Stadt gegen die zahlreichen Holzhütten, die das Königsschloss umgaben. Sie dienten den Handwerkern, Kaufleuten und Geistlichen als Behausung und deren Pferden als Stallung. Bald stand das Schloss inmitten eines riesigen Flammenmeeres. Die überraschten und verwirrten Mannen des Königs drängten aus dem Schlosshof zum Tor, um in die Stadt Dispargum zu gelangen und den Brand löschen zu helfen. Es gab für sie aber kein Entrinnen und kein Helfen mehr. Das Feuer war bereits bis zu den Grundfesten des Schlosses vorgedrungen. Von Ferne hörten die verzweifelten Einwohner von Dispargum und die Mannen der Tuiskoburg das Jubelgeschrei der normannischen Brandstifter. Da es ihnen nicht gelungen war, das Königsschloss zu erobern und auszuplündern, hatten sie nach ihrer Niederlage den Entschluss gefasst, es mit seinen Schätzen zu zerstören. Ihr Ziel wurde erreicht. Die Glut des Feuers, dass von dem trockenen Holz der zahlreichen Hütten gespeist wurde, ließ die Mauern und Türme des Königsschlosses zerbersten, so dass sie in Schutt und Asche sanken. Nur ein mächtiger Steinblock, der in der Mitte des Schlosshofes gelegen hatte, blieb in dem Flammenmeer unversehrt.

Als lange Zeit danach die Einwohner der umliegenden Ortschaften daran gingen, Burg und Stadt neu erstehen zu lassen, erteilten sie den Maurern, den Auftrag, den mächtigen, heil gebliebenen Stein aus dem Burghof in das Fundament des Rathauses mit einzulassen. Damit die Geschichte von der Königsburg in Duisburg bei den Nachfahren nicht in Vergessenheit geraten sollte, musste ein Steinmetz die wichtigsten Ereignisse daraus sowie alles vorhandene Wissen über die Besiedelung der Stadt in den Sandsteinblock einmeißeln. Im Laufe der vielen Jahrhunderte, die seit dieser Zeit vergangen sind, verwitterte die Schrift mehr und mehr und wurde schließlich ganz unleserlich. Gottlob hat ein Chronist beizeiten in einem Buch festgehalten, was ihm von den Aufzeichnungen auf dem Steinblock am wichtigsten erschienen war. In ihm sind außer der Zerstörung der Königsburg noch folgende Ereignisse aufgezeichnet worden:

Zu der Zeit, da der mächtige Kaiser Valens über das mächtige Römerreich herrschte, drangen aus den fernen Ländern im Osten fremde Völkerscharen in die deutschen Lande ein. Sie kamen von den Ufern des Schwarzen Meeres, wo sie mit den Skythen friedlich zusammenlebten. Als aber die Goten mit großer Übermacht in ihre Wohngebiete eindrangen, mussten sie flüchten und sich eine neue Heimat suchen. Sie wanderten nach dem Westen und kamen nach vielen Jahren voller Entbehrungen mit Weib und Kindern, mit Wagen und Tieren nach der Überwindung hoher Gebirge, weiter Steppen und mächtiger Ströme in das Maintal. Ihren zuverlässigen Führer auf dem langen Marsch, mit Namen Makomir, wählten sie zu ihrem Fürsten. Nach seinem Tod wurde sein Freund Pharamund von seinen Mannen auf den Schild gehoben und zum König ausgerufen.

Pharamund zeigte sich seinem Volk dankbar, dass es ihn zu seinem Herrscher berufen hatte. Als seine erste und vornehmste Aufgabe betrachtet er es, ihm die Freiheit und den Frieden zu sichern. Aus diesem Grund begab er sich kurze Zeit nach seiner Krönung auf die Wanderschaft, um die Könige in den benachbarten Ländern aufzusuchen. So kam er zu den Herrschern der Tenkterer, Sigamberer, Marsen und Brukterer. Ihnen allen bot er die unverbrüchliche Freundschaft seines Volkes und Reiches an. Mit großer Bereitwilligkeit nahmen sie sein Angebot an. So kam es durch Pharamunds Bemühungen zu einer Vereinigung der befreundeten Völkerschaften und zu einem mächtigen Bund. Von den Fürsten wurde er zum Oberhaupt des Rates gewählt, dem alle verbündeten Herrscher angehörten.

Nachdem er den Frieden zwischen den verschiedenen Germanenstämmen gesichert hatte, setzte er seine ganze Kraft dafür ein, für alle dem Bund angehörenden Germanen die Freiheit von den Römern zu gewinnen. In weiteren Gebieten am Rhein waren die hier wohnenden Stämme von den aus Italien gekommenen Eroberern gezwungen worden, ihnen Steuern zu zahlen und ihnen mit der Waffe bei der Unterwerfung von germanischen Völkerschaften Hilfe zu leisten, welche die Zahlung von Steuern und den Wehrdienst verweigert hatten.

Pharamund stellte aus den Kriegern der vereinigten Völkerschaften ein mächtiges Heer auf. Dann zog er mit ihm gegen Westen und eroberte die römischen Kastelle am Rhein. Die Legionäre flohen in das Land der Gallier. Nun hatte Pharamund die beiden Ziele erreicht. Frieden und Freiheit waren für die Mitglieder des Völkerbundes gesichert. Stolz nannten sich die Einwohner von nun an die Franken. Ihre bisherigen Stammesnamen kamen mit der Zeit außer Gebrauch und gerieten in Vergessenheit.

Nach Pharamunds Tod wurde dessen Sohn von den Franken zum König ausgerufen. Er trug den Namen Clodius Capillatus und wurde auch Clodwig der Bärtige genannt. Seinem Unternehmungsgeist ist es zu verdanken, dass seine Mannen auf den Trümmern der einst in der Vorzeit von Tuisko erbauten Stadt eine prächtige Königsburg errichteten und um sie herum in ausreichender Zahl Blockhäuser für die Bürger bauten. Er gab der Stadt den Namen Dispargum. Von den gefangenen römischen Legionären, die ein Handwerk erlernt hatten, erfuhren die Gefolgsleute des Königs wertvolle Hilfe. Zu Ehren des Königs, der bereits in grauer Vorzeit in Duisburg regiert hatte, nannte der König seine feste Burg wieder Tuiskoburg. Sie war ebenso groß und prächtig wie die des sagenhaften Königs Tuisko, des Sohnes von Gomer. Ihr Ruhm überstrahlte die Bedeutung der Stadt Dispargum so sehr, dass man schließlich den Namen der Burg auch für die Bezeichnung der Stadt verwendete. Im Laufe der Zeit änderte sich die Benennung Tuiskoburg in Duisburg um.

Von seinem Königsschloss zu Duisburg sandte Clodius Capillatus 445 Kundschafter in das Land der Gallier aus, um festzustellen, in welche festen Plätze die Römer ihre Legionen gelegt hatten, nachdem sie von seinem Vater Pharamund vom Rhein vertrieben worden waren. Auf deren Rat hin zog zog er zunächst mit einem großen Heer gegen die Stadt Cameracus, die heute Cambrai heißt. Nach langjähriger Belagerung konnte er ihre Übergabe erzwingen. Die römischen Soldaten führte er in die Gefangenschaft. Dann rückte er durch den dichten Kohlenwald, der damals Silva Corbonaria hieß, gegen die Stadt Tornacum vor, die man heute Tournai nennt. Es gelang dem Frankenkönig erneut, einen großen Sieg über die Römer zu erringen. Sein Reich der Franken dehnte sich nun bis zum Oberlauf von Oisne und Aisne und bis zur Somme aus.

Da die Königsburg zu Duisburg nach den Siegen der Königs Chlodwig sehr weit von den Grenzen des Reiches entfernt lag, versuchten fremde Völkerschaften immer wieder, in das Land einzufallen. Der König sah sich deshalb gezwungen, seine Krieger nicht in Duisburg vereint zu halten, sondern über das weite Reich zu zerstreuen, um durch sie die Grenzen zu schützen und das Königreich zusammenzuhalten. Chlodwig hatte seine Hauptstadt Dispargum genannt, weil dispergo in der Sprache der Römer so viel wie „zerstreuen“ bedeutet. Seine Nachfolger haben seine Lehre vergessen, die er ihnen mit dem Namen der Hauptstadt geben wollte. Sie haben nicht dafür gesorgt, dass die Krieger über das ganze Land verstreut wurden, um die Sicherheit der Einwohner vor feindlichen Überfällen zu gewährleisten. So wurde es möglich, dass nach seinem Tode die räuberischen Normannen ungehindert bis nach Dispargum gelangen und Stadt und Königsschloss in Schutt und Asche sanken.

 

Quelle:
Der Heilige Brunnen – Duisburger Sagen, Legenden und Erzählungen
Neu erzählt von Karl Heck und Hans Homann
Mercator-Verlag Duisburg Gert Wohlfarth 1967

Copyright: © 2016 Siglinde Lítilvölva
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Zur Website der Autorin: Vitandi Runar

 

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