Manfrieds Trelleborg - Die Irminsul

Die Irminsul

Altsächsische Irminsul

Darstellung einer altsächsischen Irminsul

Die Irminsul (große bzw. gewaltige Säule), auch Irmensäule genannt, war das größte altsächsische Heiligtum. Beschrieben wird sie als große Holzsäule, die Quellen hierüber sind aber dürftig.

So beschreibt z.B. der österreichische Privatgelehrte Franz Hula in seinem 1948 erschienenen Werk Die Totenleuchten und Bildstöcke Österreichs die Irminsäulen als hohe Stein- oder Holzsäulen heidnischen Ursprungs:

„Der Name soll sich von dem germanischen Gott Irmin, dem Gewaltigen, göttlicher Stammvater und oberster Gott der Ermionen (Hermionen), eines kultischen Bundes von germanischen Stämmen, herleiten. Fast scheint es, als ließe sich von diesen Irminsäulen eine direkte Verbindung zum ältesten bayerischen Stammesheiligen, dem hochverehrten Hirmon oder Hirmen, herstellen, dessen Bildnis meist auf einer Säule angebracht war, so dass er geradezu den Namen „Säulenheiliger“ führte.“

 

Tatsächlich findet sich aber der konkreteste und einzige Hinweis auf die Irminsul bei dem Mönch Rudolf von Fulda (gest. 865), der in seinem Werk „De Miraculis sancti Alexandri“ (Kapitel 3) schreibt:

Truncum quoque ligni non parvae magnitudinis in altum erectum sub divo colebant, patria eum lingua Irminsul appellantes, quod Latine dicitur universalis columna, quasi sustinens omnia.

Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Muttersprache Irminsul nannten, was auf lateinisch columna universalis (dtsch. All-Säule) bedeutet, welche gewissermaßen das All trägt.

 

Irminsul mit Kletterer

Eine irminsul als I-Initial mit Kletterer. (10.Jhdt)

Die Irminsul war in der germanischen Mythologie der Weltenbaum und ist so mit der Yggdrasil aus der EDDA zu vergleichen, allerdings mit dem Unterschied, dass die Irminsul als sich oben gabelnde Säule und nicht als Baum ausgebildet war. Sie erhob sich vom Boden gen Himmel, den sie beim Polarstern erreichte und trug somit das ganze All.

 

Bei den Lappen hat sich die Sitte, Weltsäulen aufzustellen bis ins 17. Jahrhundert erhalten. Diese Säulen waren als Gabelsäulen ausgebildet. Man geht davon aus, dass die Lappen den Brauch der Weltensäule von den weiter südlich lebenden Germanen übernommen haben, so dass es als sehr wahrscheinlich gilt, dass auch die germanische Weltensäule - und somit auch die sächsische Irminsul - sich oben gabelnde Säulen waren.

 

Die weiteren Gemeinsamkeiten von Irminsul und Yggdrasil bestehen darin, dass beide als Erde und Himmel verbindende Weltenachse mit den neun Welten angesehen wurden und als Symbole für höhere Werte (Götter), denen höchste Verehrung entgegengebracht wurde, standen. Die neun Welten wurden bei der Irminsul als Kletterhilfen dargestellt, an denen der Mensch von der Erde zum Polarstern (Himmel) empor kletterte. Sowohl die Irminsul als auch Yggdrasil waren höchste religiöse Kultsstätten.

 

Dann aber trennen sich die Gemeinsamkeiten von Yggdrasil und Irminsul. Während bei Adam von Bremen von einem einzigen Weltenbaum, der beim Tempel von Uppsala stand, gesprochen wird, gab es für die Irminsul mehrere Standorte. Man kann als gesichert annehmen, dass anders als bei der unverrückbaren, festverwurzelten Yggdrasil mehrere Standbilder der Irminsul an geheiligten Orten aufgestellt waren. Folgende Orte gelten als sehr wahrscheinliche Standorte:

  • Bei der Eresburg bei Obermarsberg, wie es in den Annales regni Francorum (Fränkische Reichsannalen) zum Jahr 772 erwähnt wird.
  • Bei der Gemeinde Irminseul in der Nähe von Hildesheim, die ebenfalls in den Reichsannalen erwähnt wird.
  • Am Gresberg (das heutige Grasberg)in der Nähe von Bremen, deren Zerstörung durch Karl dem Großen auch in den Reichsannalen aufgeführt wird

Daneben sind noch viele weitere vermutete Standorte in den entsprechenden Quellen zu finden. Das Alles spricht dafür, dass es sich bei der Irmisul nicht um eine einzige Säule sondern um eine bestimmte Säulenart, die zu religiösen Weihezwecken aufgestellt wurde, handelte.

Ebenfalls anders als Yggdrasil lebt die Irminsul in der christlichen Welt weiter. Während der Missionierung - und den sie begleitenden Zwangsmaßnahmen durch Karl dem Großen - der mittel- und norddeutschen Bevölkerung im 8. und 9. Jahrhundert waren diese alten sächsischen Symbole noch überall vorhanden. Ein bauplastisches Zeugnis der Irminsul gibt es ausgerechnet an dem Ort, dem auch die einzige, gesicherte Überlieferung von der Säule zu verdanken ist - in Fulda. Die dortigen Mönche bauten um 820 in der Krypta der Michaelskirche eine stämmige, den Rundbau der Kapelle stützende Säule auf. Die runde Säule geht oben in ein Kapitell über, das nach links und rechts Voluten aufweist, und so an die sich gabelnde Irminsul erinnert.

Dazu schreibt der Chronist Candidus Bruun in einer Biografie des Gründerabtes Eigil in Versen. Darin heißt es:

 

Aegyl baute (daselbst) ein zirkelförmiges Kirchlein (wahrlich sehr fromm!).

Auf einer unterird'schen Kapelle,

deren Umgangsgewölbe auf einen Pfeiler sich stützet,

steigt dasselbe über der Erde prächtig zur Höhe.

Denn acht Säulen und Bogen tragen das kunstvolle Turmwerk.

Dessen Dachung mit einem großen Steine sich spitzet….

 

Grundriss der Krypta in Fulda

Grundriss der Krypta in FuldaGrundriss der Krypta in Fulda.
Deutlich erkennbar:
Die tragende Säule im Mittelpunkt

Diese Verse lassen erkennen, dass die Fuldaer Mönche unter ihrer Kirche eine Zentralsäule stellten, der sie die Form einer Gabelsäule gaben, die sie mit Christus selbst identifizierten. Darauf weist auch der abgebildete Grundriss hin, der zeigt, dass die Mauern die Form einer Kreuzaura ausfüllen. Ohne das Gedicht des Candidus Bruun könnte man vermuten, die Irminsul sei in den Keller verbannt worden um ihre Unterdrückung anschaulich zu machen.

Dem ist aber nicht so, vielmehr versuchte man damals, die Bilder des Heidentums christlich umzudeuten, um den Heiden zu zeigen, dass in ihrem Glauben der Christusglaube keimhaft enthalten war, um ihnen so den Übergang vom Heidentum zum Christentum zu erleichtern.

Man folgte mit dieser Vorgehensweise der Überzeugung des zu den Kirchenvätern zählenden Augustinus von Hippo, der bereits um 400 schrieb:

„Was man gegenwärtig die christliche Religion nennt, bestand schon bei den Alten und fehlte nicht in den Anfängen des Menschengeschlechtes, bis Christus im Fleische erschien, von wo an die wahre Religion, die schon vorher vorhanden war, den Namen der christlichen (Religion) erhielt.“

 

Auch Papst Gregor hat bereits im Jahr 354 darauf hingewiesen, „….die heidnische Riten mit den eigenen Festen zu vereinen, um den Heiden den Übergang in die christliche Kirche zu erleichtern….“

 

Die Säule der Krypta in Fulda

Die tragende Säule der Krypta in Fulda

Einen weiteren Hinweis auf diese Vorgehensweise liefern auch die Externsteine. Auch an dieser alten Kultstätte soll sich eine Irminsul befunden haben. Das bekannte in den Grottenstein gemeißelte Kreuzabnahmerelief wird nach einer Studie aus dem Jahre 1997 auf die karolingische Zeit (815-822) datiert. Man kann daher davon ausgehen, dass auch hier ein altsächsisches Heiligtum durch eine christliche Darstellung an einem Ort ersetzt wurde, der den Menschen seit frühen Zeiten schon als heilig galt.

 

Die Irminsul ragte im altsächsischen Glauben bis zum Polarstern empor. Auch diese Vorstellung wurde bei der Christianisierung übernommen. Der Polarstern wurde zu dem Ort, an dem man von der Erde in den Himmel kommen konnte. Dieser „Himmels-Pol“ als weithin sichtbarer Punkt des Universums symbolisierte das Ewige und die Unendlichkeit. In vielen Kirchen aus der damaligen Zeit findet man an der höchsten Stelle über dem Altar einen strahlenden Stern, ein Relikt aus dieser alten Zeit und des „alten Glaubens“.

 

Yggdrasil, Irminsul, christliches Kreuz - die Symbole sind unterschiedlich jedoch früher wie heute ein Zeichen der Verbindung zwischen „Erde und Himmel“, ein Zeichen für höhere Werte und haben damals wie heute höchsten Stellenwert. Den Schluss soll daher ein Sinngedicht des Hildebert von Tours (1055-1134) sein, in dem er von der dreifachen Wohnung des Menschen spricht, wobei er die letzte Wohnung am Pol lokalisiert, dem Ort, an dem die Weltensäule den Himmel erreicht und trägt:

 

Dreifach wohnet der Gute: zuerst im Bereich der Lüfte,

Unter der Erde sodann, über den Sternen zuletzt.

Erst in dem Haus, und sodann in dem Grab, und zuletzt an dem Pole,

Jenes verfällt, aufhört dieses, es bleibet der Pol.

Drei sind Meister des Baus: der Meister, der Gräber, der Heiland;

Dort giebts Steine, und hier Würmer, am Ende den Lohn.

Jenes stürzt leicht ein, dies liegt fest, ewig der Pol steht,

Dort ist Leiden, hier Asche, doch Freuden am Pol.

 

Quellen:
Bilder: Wikipedia
Irmisul
Franz Hula
Augustinus von Hippo
Externsteine
Heimatverein Irmensäul

 

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