Manfrieds Trelleborg - Wikingerüberfall auf Stade

Der Wikingerüberfall auf Stade im Jahr 944

I. Die Schilderung der Chronisten

Ein ganz besonderes historisches Ereignis, das in der schriftlichen Überlieferung außergewöhnlich detailliert wiedergegeben ist, ist der Überfall der Wikinger auf Stade, der wohl ältesten Stadt Norddeutschlands. Zum einen ist dieses Ereignis von verschiedenen Personen unabhängig voneinander festgehalten worden, zum anderen lässt es sich im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Vorgängen archäologisch nachweisen. Hinzu kommt noch, das die Stadt Stade im Zuge dieser Schilderungen erstmalig schriftlich erwähnt wird.

 

Thietmar von Merseburg

Thietmar von Merseburg

Der Überfall einer Wikingerflotte auf das Elbe-Weser-Dreieck 994 ist in fünf Chroniken des 11. bis 13. Jahrhunderts überliefert. Die beiden Berichte des 11. Jahrhunderts, auf denen auch die übrigen Chroniken fußen, sind anscheinend voneinander unabhängig. 1014, zwanzig Jahre nach dem Ereignis, schreibt Thietmar von Merseburg, ein Verwandter der Stader Grafenfamilie, über das Geschehen, das er aus nächster Nähe miterlebt hat und von dem er eine äußerst anschauliche Darstellung gibt. Adam von Bremen, der seine Chronik um 1070 verfasst, stützt sich offensichtlich auf eine eigenständige Quelle.

 

Thietmar von Merseburg, * 25. Juli 975; † 1. Dezember 1018 vermutlich in Merseburg, war Bischof von Merseburg. Er hat sich einen Namen als Geschichtsschreiber in der Zeit der Ottonen gemacht und war ein von den damaligen Ereignissen unmittelbar betroffener Zeitzeuge. Sein Bericht ist daher als authentisch anzusehen.

 

Adam von Bremen

Adam von Bremen

Adam von Bremen, * wohl vor 1050; † 1081/1085, war ein Bremer Kleriker und Theologe, der durch seine umfangreichen Schriften über die Wikinger ein sehr wichtiger Zeuge der damaligen Zeit ist. Er hat sich sein Wissen allerdings in erster Linie durch die langen Aufenthalte in Dänemark erworben. Interessanterweise ist er einer der wenigen Zeitzeugen, die auch das sagenumwobene Jumne/Uimne und der Jomsburg, dessen wirkliche Existenz aber bis dato unbewiesen ist, erwähnt und nach eigenen Schilderungen auch bereist. Interessant deshalb, weil sich sein Bericht über die Ereignisse bei Stade mit denen Thietmars von Merseburg deckt - was den Schluss zulässt, dass auch dieser sagenumwobene Ort mit der bedeutungsvollen Burg eines Tages doch noch auch archäologisch bewiesen werden kann.

 

Nach den beiden sich ergänzenden Berichten hat sich der Überfall so ereignet:

Im Juni 994 erschien vor der Küste zwischen Elb- und Wesermündung eine große Wikingerflotte. Thietmar und Adam sprechen von „pirati“ und „Ascomanni“, Schiffsmännern, ohne genauere Angaben über die Herkunft der Angreifer. In der Forschung besteht heute jedoch Einigkeitdarüber, dass es sich um die Flotte des dänischen Königs Sven Gabelbart gehandelt hat, der wenige Monate später, im September 994, mit einer noch größeren Flotte London überfiel. Ein Teil der Wikinger soll in die Wesermündung eingefahren sein und die Landstriche des östlichen Weserufers bis Lesum (heute zu Bremen gehörend) geplündert haben. Bei dem Versuch, über Land durch das Teufelsmoor an die Elbe zu gelangen, sollen sie von dem sächsischen Herzog Bernhard Billung in einer Schlacht bei dem Ort Glinstedt völlig aufgerieben worden sein.

 

Dieser Versuch und auch die Schlacht wird durch einen Schwertfund im Teufelsmoor bestätigt. Das Schwert wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in der Nähe von Worpswede - nur wenige Kilometer von Lesum entfernt - gefunden und ist seit 1933 in Besitz des niedersächsischen Landesmuseums. Typologisch ist es von J.Petersen der Wikingerzeit zugeordnet worden. Auf beiden Seiten trägt es im oberen Klingenbereich die Aufschrift „INGELRII“, die eindeutig schwedischen Ursprungs ist.

 

Genauere Angaben erhält man jedoch über die Aktion der anderen und wohl größeren Teilflotte, die sich der Elbmündung zuwandte. Nachdem sie zunächst die Länder Wursten (Fresia) und Hadeln heimgesucht hatte, fuhr dieser Verband die Elbe aufwärts. Ihm traten, offensichtlich in königlichem Auftrag, die Grafen der Gebiete beiderseits der Elbe mit einem schnell zusammengestellten Aufgebot entgegen. Die Grafenrechte für das Gebiet links der Elbe, für das sich später die Bezeichnung Stader Grafschaft einbürgerte, besaß die Familie der Udonen, die zu dieser Zeit ihre Hauptburg in Harsefeld hatte.

 

Erst einige Jahre nach dem Wikingerüberfall hat sie den Grafensitz nach dem 15 km weiter nördlich liegenden Stade am Elbenebenfluss Schwinge verlegt. Außer dem amtierenden Grafen Heinrich gehörten auch seine Brüder Udo und Siegfried zu den Anführern des – so schreibt es Adam – nur kleinen Heeres. Namentlich genannt wird daneben noch Graf Edelger, der der Graf des Gebiets rechts der Elbe war. Nach dem Bericht Thietmars fuhr das kleine Aufgebot der Grafen den Feinden zu Schiff entgegen und stellte sich ihnen am 23. Juni 994 zur Schlacht. Hier spricht Adam allerdings von einem Kampf zu Lande, da die Wikinger ihre Schiffe bereits verlassen gehabt hätten.

 

Mit den Worten: „Der Kampf war schwer, denkwürdig und sehr unglücklich“ beschreibt Adam mit einfachen Worten die vernichtende Niederlage der Verteidiger. Die Verluste waren hoch: Udo fiel, seine Brüder, Graf Heinrich und Siegfried sowie Graf Edelger, wurden gefangengenommen und an Bord der Wikingerschiffe verbracht, die in der Schwinge vor Anker gingen. Die Kunde von der Katastrophe verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Herzog Bernhard, der sich – möglicherweise bereits mit dem Sieg bei Glinde im Rücken – in der Nähe befand, nahm sofort Verhandlungen über die Auslösung der Gefangenen und einen Sühnevertrag als Ende der Kampfhandlungen auf.

 

Als Lösegeld wurde schließlich eine ungeheure Summe vereinbart, ineffabile pecuniam, so schreibt Thietmar, ohne genaue Zahlen zu nennen. Ein Anhaltspunkt für die Höhe des Betrags kann vielleicht die Summe von 16000 Pfund Silber sein, die Sven Gabelbart wenige Monate später London als Schutzgeld abpresste. Die Beiträge kamen anscheinend aus vielen Gebieten des Reiches. Thietmar nennt seine Mutter, Gräfin von Walbeck, die eine Schwester der Udonen Heinrich und Siegfried war, als Beteiligte und berichtet auch, dass sich auch der mit den Udonen verwandte König Otto III. mit einem großen Betrag beteiligte.

 

Nachdem der größte Teil der vereinbarten Summe übergeben worden war, was sich anscheinend bereits über mehrere Wochen hingezogen hatte, entschlossen sich die Dänen, die Gefangenen gegen die Gestellung von Geiseln – Söhne oder andere nahe Verwandte – freizulassen, um ihnen so die beschleunigte Beschaffung der Restsumme zu ermöglichen. Von den Udonen verblieb nur Siegfried, der keinen Sohn hatte, in Haft. Er sollte schließlich gegen einen seiner Neffen ausgetauscht werden, wobei das Los eben auf Thietmar, den späteren Chronisten des Ereignisses, fiel. Thietmar, der damals als Kanoniker im Domstift Mauritius in Magdeburg lebte, brach an einem Freitag auf. Am selben Tag aber floh Siegfried. Thietmar, der drei bis vier Tage später am Ort des Geschehens eingetroffen sein dürfte, gibt eine plastische Schilderung der Flucht seines Onkels:

 

Siegfried, der offenbar ehrenhaft gehalten wurde, hatte mit einem Boot Wein beschaffen lassen und seine Wächter in einem Gelage betrunken machen können. Und nun Thietmars weiterer Bericht, nach einer Übersetzung Werner Trillmilchs (Auszugsweise):

„Als morgens der Priester zur Messe rüstete und der Graf, seiner noch vom gestrigen Weine schweren Wächter ledig, auf dem Vorschiff sich waschen ging, wagte er den Sprung in das bereit gehaltene Boot. Jetzt erhob sich Geschrei, man griff den Priester als vermutlichen Anstifter, die Anker wurden gelichtet, schnell nahmen die Ruderer die Verfolgung der Flüchtigen auf. Nur mit Mühe konnte der Graf entrinnen; am sichern Ufer fand er, wie zuvor verabredet, bereitgehaltene Pferde, und schleunigst ging es nach seiner Burg Harsefeld. (...) Die feindlichen Verfolger aber“ – und hier erfolgt eher nebenbei die erste Erwähnung Stades in einem schriftlichen Text – „drangen in die nahe dem Ufer liegende Stadt Stade ein (in urbem Stethu nomine incurrunt) und suchten ihn voller Eifer an den abgelegensten Orten. Als sie ihn nicht fanden, raubten sie den Frauen gewaltsam die Ohrringe und kehrten niedergeschlagen um. In ihrer Wut schnitten sie am nächsten Tag dem Priester, meinem Vetter, und allen übrigen Geiseln Nasen, Ohren und Hände ab und warfen die Verstümmelten in den Hafen. Dann machten sie sich davon. Die Geiseln wurden von den Ihren geborgen, und es erhob sich unendlicher Jammer.“
So weit das überlieferte Geschehen. Für die Wikinger stellte die Flucht einen Vertragsbruch dar, so dass sie sich um einen Teil der vereinbarten Zahlung geprellt sahen und aus ihrer Sicht diesen Vertragsbruch durch ihre Strafaktion ahndeten.

 

Die archäologischen Nachweise

Interessant ist hier der Verbleib des Lösegeldes. Es ist anzunehmen, dass diese sehr große, wahrscheinlich vor allem aus Silberdenaren bestehende Silberbeute z. T. in Schatzdepots in Dänemark und anderen Teilen Skandinaviens vergraben wurde. Eine Fundkarte der frühesten Stader Münzen für den Zeitraum von 1000 bis 1040 zeigt neben Fundorten südlich der Ostsee mehrere auch auf Fünen, Gotland und Island. Es ist davon auszugehen, dass sie Teile der Stader Loskaufsumme enthalten. Diese einzelnen Funde müssen sicher noch näher ausgewertet werden, da man sicher sein kann, dass die Lösegeldsumme außer Prägungen der Harsefelder/Stader Grafen in großem Umfang Münzen aus Prägestätten des Billungerherzogs Bernhard I., König Ottos III. und anderer an der Aktion beteiligter Münzherren enthalten haben muss. So könnte man den Weg des Lösegeldes nachvollziehen.
Mit der Lösegeldzahlung dürfte indirekt auch die ungewöhnliche Münzstätte auf der Hildesheimer Mundburg bei Müden an der Aller zusammenhängen, die Graf Heinrich von Harsefeld-Stade, Herzog Bernhard I. und Bischof Bernward von Hildesheim ab 995, also dem Folgejahr des Überfalls, etwa 10 Jahre gemeinsam betrieben wurde. Man nimmt an, dass der König den drei Fürsten größere Mengen Silber von der nahe gelegenen und neu erschlossenen Abbaustelle des Rammelsberges bei Goslar zur Verfügung gestellt hat, um ihre durch die Zahlung des Lösegeldes verursachten Verluste auszugleichen.

 

Stade im Jahr 944

Die Urbs Stethu von 994 im archäo­logischen Befund: eine Hafenmarktsiedlung mit einer Burg.
Neueste Grabungsergebnisse zur Form des Ringwalls sind noch nicht berücksichtigt.
Siedlungsbereiche schraffiert.
° Fundstelle des skandinavischen Armreifs.

Weiterhin stellt sich die Frage, wo die Schlacht am 29. Juni 994 stattgefunden hat. Man kann als gesichert annehmen, dass das gräfliche Aufgebot den Angreifern von Stade aus auf der Schwinge entgegenfuhr. Als Ort des Gefechts kommt am ehesten eine Stelle am Unterlauf des Flusses an der Mündung in die Elbe in Betracht, die in der Zeit um 1000 etwa 1,5 km näher als heute an Stade lag.

 

Nicht ganz sicher ist es bisher, ob drei Schwertfunde, Baggerfunde aus der Schwinge, mit der Schlacht in Zusammenhang stehen. Es handelt sich hierbei um Schwerter, die in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts zu datieren sind. Eins der Schwerter könnte nach typologischen Kriterien eine Wikingerwaffe gewesen sein, die beiden anderen Schwerter, mit lateinischen Inschriften, sind wohl eher deutschen Kämpfern zuzuweisen. Nur eine der Fundstellen ist genau bekannt, vielleicht sind aber auch alle drei Waffen hier gefunden worden. Gezielte Untersuchungen im Bereich dieses Schwingeabschnitts, die auch die Suche nach möglichen Schiffsresten einschließen müsste, sind aber bisher nicht erfolgt.

 

Eine andere Kategorie möglicher archäologischer Befunde betrifft die Gefallenen dieser Schlacht. Die Ausgrabungen in Harsefeld, am Ort der ursprünglichen Hauptburg der Udonen, haben nicht nur Ausschnitte dieser frühmittelalterlichen Siedlung erfasst, sondern auch die gräflichen Gräber aufgedeckt. Zwar konnte der gefallene Udo bisher nicht identifiziert werden, aber das Grab des verstümmelten Siegfried konnte festgestellt werden.

 

Anzunehmen ist auch, dass die Wikinger ihre Toten ebenfalls bei Stade bestattet haben, da sie ja während der sich hinziehenden Lösegeldzahlung mehrere Wochen vor Ort bleiben mussten. Ein besonderer Einzelfund weist darauf hin. Hierbei handelt es sich um einen silbernen Armreif skandinavischer Herkunft. Das als Hohlring gearbeitete Stück, das typologisch Ringfibeln aus dem östlichen Ostseeraum zuzuordnen und in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts zu datieren ist, wurde 1977 von Bauarbeitern im Friedhofsbereich der ehemaligen St. Nikolaikirche bei Baggerausschachtungen für die Kanalisation in etwa 3 Metern Tiefe gefunden. Die Kirche wurde erst im 12. Jahrhundert erbaut und es ist sehr gut möglich, dass sie über einem älteren Friedhof errichtet wurde, der mit Beigaben ausgestattete skandinavische Gräber enthält – eben diese die Beisetzungen der 994 gefallenen Wikinger.

 

Auch die Topografie Stades für die Zeit des 8. bis 10. Jahrhunderts, die durch die seit 1977 laufenden stadtarchäologischen Untersuchungen abgeklärt ist, stimmt mit den Schilderungen der Chronisten überein. Aus dem Stadthügel konnte unter den spätmittelalterlichen Aufschüttungen der ursprüngliche Geestsporn mit wesentlichen Befunden der Stader Siedlungsanfänge ebenso rekonstruiert werden wie der Verlauf der Schwinge in dieser Zeit, der durch zahlreiche Mäander und besonders durch eine weit ausladende Flussschleife im Marschenbereich vor der Geest gekennzeichnet ist. Sehr ergiebig ist verlief der Versuch, die gewonnenen Ergebnisse zu Altlandschaft und Siedlungstopografie mit dem detaillierten Bericht Thietmars über die Verfolgungsfahrt in Einklang zu bringen, mit der die Wikinger dem flüchtenden Graf Siegfried nachsetzten. Danach scheint die Flotte – die auf einen gewissen Abstand zum Stader Hafen bedacht gewesen sein dürfte – auf jeden Fall jenseits des großen Schwingebogens flussabwärts geankert haben. Wie groß der Vorsprung Graf Siegfrieds war, als die Schiffe nach dem Lichten der Anker die Verfolgung aufnahmen, ist kaum einzuschätzen, aber eindeutig war er für die Wikinger außer Sichtweite, als er das Ufer erreichte, dort auf das bereit gehaltene Pferd stieg und sich im Galopp nach Harsefeld aufmachte. Nur so ist es zu erklären, dass die Wikinger nach Erreichen der Landestelle die Suche nach dem Grafen in Stade aufnahmen.

 

Auch an welcher Stelle der Graf an Land gegangen ist und welchen Weg er nach Harsefeld eingeschlagen hat, konnte ebenfalls recht sicher festgestellt werden. Nach der für 994 zu rekonstruierenden Topographie Stades kann als Landestelle für ihn nur der damalige Hafenbereich am Geestrand in Frage kommen, als Route für seinen Ritt nur die damalige – und auch heutige – Hauptverkehrsachse der Altstadt, in deren Verlängerung nach Süden man auf geradem Weg über die Geest nach Harsefeld gelangt. Noch nicht sicher geklärt ist bisher, ob es sich bei dem Hafen zu dieser Zeit noch um eine einfache Anlegestelle oder bereits um eine Kaianlage gehandelt hat. Die von den Chronisten verwendeten Ausdrücke Termini litus und portus lassen beide Deutungen zu, wahrscheinlich ist aber aufgrund der Grabungsbefunde an anderen Hafenorten dieser Zeit, dass es sich auch in Stade um eine frühe Kaianlage gehandelt hat.

 

Stade war 994 eine frühstädtische Siedlung – im Schutz einer vorgelagerten Burg. Die Burg, ein Ringwall, 150 Meter vor dem Geestrand in einer Schwingeschleife angelegt, konnte in mehreren Grabungen an der Basis des spätmittelalterlichen Burghügels Spiegelberg erfasst werden, der heute in den Altstadtgrundriss integriert ist. Der Ringwall ist nur wenige Jahre vor dem Wikingerüberfall errichtet worden und hat ein baugleiches Pendant aus gleicher Zeit in Itzehoe an der Stör auf der anderen Elbseite, das von Hellmuth Andersen ausgegraben worden ist. Beide Befestigungen sind anscheinend als Burgenpaar zum Schutz des alten Elbübergangs Stade – Itzehoe von den Grafen beider Elbseiten und wahrscheinlich im Auftrag des Königs errichtet worden. Nach dem Wikingerüberfall haben die Udonen ihren Grafensitz von Harsefeld nach Stade verlegt und den Ringwall als Hauptburg in Form einer großen Motte ausgebaut. Soviel zur Burg von 994.

 

Und nun zu der gleichzeitigen Siedlung, die nach dem archäologischen Befund damals bestand. Dass es sich um einen florierenden Seehandelsplatz handelte, ist spätestens seit der Hafengrabung von 1989 auch archäologisch durch eine große Anzahl von Fundgegenständen wie Geldwaagen, Münzen und Gewichten aus dem 10./11. Jahrhundert, endgültig belegt. Wenn es eine Unklarheit gibt, dann nur darüber, wie Siedlungsumfang und wirtschaftliche Bedeutung Stades wirklich einzuschätzen sind. Vor allem der umfangreiche Friedhof der Siedlung mit einer Ausdehnung von 60 x 80 Metern, die nach jüngsten Grabungsergebnissen bereits für das 9. Jahrhundert anzunehmen ist, legt die Frage nahe, ob nicht von einer bisher unbekannten Größe und Bedeutung dieses Seehandelsplatzes bereits im 9. Jahrhundert auszugehen ist.

Das Stade jedenfalls, das die Wikinger 994 vorfanden, war nach dem archäologischen Befund – neben einer Burg – eine ausgedehnte reiche Handelssiedlung. Alles spricht dafür, dass es vor allem diese Handelssiedlung war, die sie nach dem Grafen durchsuchten. Auch Thietmars Wendung, dass sie nach ihm an den abgelegensten Orten fahndeten, wird so erst verständlich. Eins so reiche Stadt war für die Wikinger natürlich ein „lohnendes„ Angriffsziel, in dem sie auf reiche Beute hofften - und ja mit dem Lösegeld auch offensichtlich machte.

 

Quelle:
Thietmari Merseburgensis Chronicon, neu übertragen v. Werner Trillmilch (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 9). Darmstadt 61985.
Magister Adam Bremensis, Gesta Hammaburgensis Ecclesiae Pontificum, neu übertragen v. Werner Trillmilch, in: Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 11. Darmstadt 51978, 135–499.
Annalista Saxo, Monumenta Germaniae Historica SS VI, 542 ff.
Helmoldi Presbyteri Bozoviensis Chronica Slavorum, neu übertragen v. Heinz Stoob (Freiherr vomStein-Gedächtnisausgabe 19). Darmstadt 41973. Annales Stadenses Auctore Alberto, Monumenta Germaniae Historica SS XVI, 271 ff.
Praeco Medii Aevi - Das Mittelaltermagazin

 

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