Manfred Lohmann

Naturreligion = Germanische Religion oder Heidentum?

 

Vielfach ist ja in diversen Büchern und Foren zu lesen, dass die germanischen Völker „naturreligiös“ gewesen seien, dass ihr Glaube eine „Naturreligion“ bzw. ein „Naturglaube“ gewesen wäre. Auch das heutige Germanische Neuheidentum sei eine „Naturreligion“ oder auch ein „Naturglaube“.

Wenn man dann eine Begründung für diese Auffassung erfragt, kommt meistens die Aussage, dass die Germanen die Natur verehrt und angebetet hätten. Als Beispiel dafür werden häufig die Donar-Eiche, oder auch die „heiligen Haine“ genannt, oft werden auch ganz pauschal die Gottheiten als „Naturgötter“ bezeichnet.

Aber stimmt das so? Haben die Germanen die ganze Natur als Gottheit angebetet, waren die Götter Odin/Woden oder Thor/Donar und all die andere Gottheiten unserer Mythologie wirklich „Naturgötter“?

Nein, das ist ein fataler Mythos, ein Irrtum, der sowohl den Glauben als auch die Mythologie der Germanen romantisiert und verklärt und verzerrt.

 

 

Bekannt ist der seit der Antike die Bezeichnung „religio naturalis“. Darunter verstand man bis zur Zeit der Aufklärung die sogenannten „angeborenen Vernunftwahrheiten“, also die Dinge, die der Mensch ohne Zutun der Götter von Natur aus erkennen konnte. Dazu gehören auch der Ablauf des Jahreskreis, die Naturkräfte usw., also alles, was so um uns Menschen herum in der Natur geschieht. Um zu sehen und damit zu wissen, wann Sommer oder Winter ist, ob es regnet oder schneit, ob das Getreide wächst oder nicht, braucht man keinen Gott sondern nur die eigene, sorgfältige Beobachtung der Natur. Und genau das ist die ursprüngliche Bedeutung von „Religio“ – nämlich die „sorgfältige Beobachtung und Berücksichtigung“ – mehr nicht. Unter dem Aspekt kann man nun ganz sicher nicht von „Naturreligion“ sprechen.

Der abstrakte Begriff „Religion“ wie wir ihn heute verwenden, nämlich als Weltanschauung bzw. als Bezeichnung für die verschiedenen Glaubensrichtungen, ist erst sehr spät in der frühen Neuzeit entstanden und manifestierte sich während der Aufklärung. Erst zu der Zeit wurde der Begriff „Religo“ mit dem Glauben an Gottheiten (sowohl monotheistisch als auch polytheistisch), übernatürliche, unkörperliche Kräfte verbunden – aber auch hier ist keineswegs die Natur gemeint, sondern die höheren Wesenheiten, die über das normale menschliche Bewusstsein hinausgehen. Also wieder keine „Naturreligion“.

Aber woher kommt nun dieser Begriff „Naturreligion“, der so vehement auch im Heidentum verwendet und verteidigt wird. Der Begriff ist viel jünger als vielfach gedacht – er stammt aus der Zeit der Romantik, also Ende des 18. Jhdts. – Ende des 19. Jhdts.

Erstmalig taucht der Begriff „Naturreligion“ 1820 bei dem deutschen Philosphen Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf. Er prägte den Begriff „Naturreligion“ als die „Religion der unentwickelten Naturvölker“, um sie damit von den „höher entwickelten Kulturreligionen“ abzugrenzen. Vereinfacht gesagt: Naturreligion = primitive Religion.

Noch drastischer formuliert es der deutsche Philosoph Ernst Haeckel. Er bezeichnet 1909 die Naturreligion als die Religion „entarteter und verwilderter Völker, die noch keine wirkliche Geschichte haben“. Eine ganz schön harte Bezeichnung, die auf die Germanen meiner Meinung nach nicht anwendbar ist.

Danach war es still um die Naturreligion, denn erst um 1970 taucht der Begriff wieder auf – aber auch nicht unbedingt positiv.

Die in den 1970-iger Jahren einsetzende Ökologiebewegung kritisierte die westliche Zivilisation, propagierte alternative Lebensformen und stilisierte die „Naturreligion“ als Gegenbild zur damaligen Zivilisation hoch. Auch nicht gerade passend für eine Religion, denn die Gottheiten spielten bei der Ökologiebewegung nicht wirklich eine Rolle – da hätte der Begriff „religio naturalis“, der ja bereits genannt wurde, wohl besser gepasst.

Es zeigt sich, dass der Begriff „Naturreligion“ schlicht und ergreifend „verbrannt“ ist und als Bezeichnung für den Glauben der germanischen und auch der keltischen Völker/Stämme völlig unbrauchbar ist – und damit auch für das Germanische Neuheidentum.

 

 

Wenn man von der heute gebräuchlichen Definition der Bezeichnung „Religion“ ausgeht, dann bedeutet „Naturreligion“ nichts anderes, als dass der naturreligiöse Mensch die Natur verehrt und auch anbetet. Die Natur wird also zur Gottheit und damit unantastbar. Das aber trifft auf die germanischen Völker überhaupt nicht zu.

Mal ein einfaches Beispiel dazu:

Bei der genannten Definition wären Bäume heilig und würden angebetet. Wie aber ist es dann zu erklären, dass unsere Vorfahren ganze Wälder abholzten, um Holz als Brennmaterial für ihre Rennöfen zur Eisenschmelze zu haben – und damit dann Waffen und andere Dinge zu fertigen, die ihnen Macht und auch Wohlstand brachten, wie es sowohl die Germanen als auch die Kelten nachweislich getan haben. Oder die Wikinger, die ganz Island entwaldeten, um so mehr Platz für Weideflächen für ihre Viehherden zu schaffen. Holzt man einfach „Gottheiten“ ab um des schnöden Mammons wegen? – wohl eher nicht.

Es findet sich nirgends in der Mythologie oder sonstigen Quellen ein Hinweis, dass die Natur eine Gottheit war, die man verehrte.
Sicher, es gab die sogenannten „heiligen Haine“, die aber nicht als Gottheit verehrt wurden, sondern als ein Heiligtum, als Tempel unter freiem Himmel zu verstehen sind, in dem zu den Göttern gebetet wurde. Auch die berühmte Donar-Eiche war kein Gott, sondern ein dem Donar geweihter Baum, um den man sich versammelte und Donar opferte.

Auch ist unstreitig, dass die Gottheiten gerade in Bezug auf die Natur ihre „Zuständigkeiten“ hatten – denken wir nur an die Fruchtbarkeitsgötter, an die Meeresgötter usw. Aber sie personifizierten nicht die Natur, sondern wurden als die höheren, die übergeordneten Wesen angesehen, die die Natur beeinflussen konnten und damit Macht selbst über die Naturgewalten hatten, denen der Mensch recht ohnmächtig gegenüber stand und immer noch steht.

Man bat die die Götter um ihren Segen und Beistand, damit sie die Naturgewalten wohlwollend zu Gunsten der Menschen beeinflussten – denn ein Hagelschlag, zuviel oder zuwenig Regen konnte die ganze Ernte vernichten und so eine Katastrophe für ein Dorf auslösen.

Und das ist der ganz entscheidende Punkt: Unsere Urahnen glaubten an die Gottheiten und nicht an die Natur als Gottheit, denn wie der Kreislauf der Natur funktionierte, das wussten die damaligen Menschen auch unabhängig von den Göttern sehr genau.

Auch das heutige Neuheidentum ist keine „Naturreligion“, sondern das klare Bekenntnis zu unseren Gottheiten – sie zu ehren im stillen Gebet oder auch bei einem gemeinschaftlichen Blót, an sie zu glauben und einfach ihnen zu vertrauen, das ist gelebtes Heidentum in Sinne von Religion.

Danke fürs viele Lesen und hoffentlich verbreiten.
Manfried, Jarl der Trelleborg

 

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

 

Zur Artikelübersicht oder direkt Zum Tor

 

6,310,903 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang