Wikingerfrauen - Teil 4

Das gespenstische Geheimnis

Von Xenia D. Cosmann

 

„Ein hinkender Mann ist ein hässlicher Mann“ Murmelt Jarl Tore, mein Mann. „So ist es!“ Antworte ich verhalten und dann vernehmlicher: „Steig auf dein Pferd!“ Ich flöte den leisen, lippenlosen Pfiff, den Jarl Tore für seinen älteren, kleineren Hofgaul gebraucht. Den schrillen, lauten für das Kampfross beherrsche ich nicht. Das ist auch nicht nötig.

Tore stellt sich auf den zweiten Trittstein unter der hochgelegenen Schwelle, eine Hand ruht auf meiner Schulter, die andere am reich verzierten Pfosten. Er lässt ihn los, stützt sich leicht auf meine Schulter, schwingt mühelos das verletzte Bein über den Pferderist. Da sitzt er dann, zu Ross, nur wenig über mir, mein Jarl! Er gehört mir wie das Land, seine Schätze, seine Pferde, seine Karle und Sklaven! Er gehört mir! Ich habe ihn Hel entrissen! Da sitzt er und lacht dröhnend! Es ist das erste Lachen nach einem beschwerlichen, nassen Sommer, einem harten Winterbeginn. Jetzt atme ich befreit. Jarl Tore lacht und treibt sein Volk zur Arbeit an. Der Winter wird gut. Der kommende Sommer verspricht Besseres! Oh! Ich kann mich ganz genau erinnern, wie das üble Unglück sich heran geschlichen hat:

Mein eiliger Weg durchs Moor nach Frodewins gründlichem Abschied, beladen mit dem Schwert und der Forderung der Schmiedin, der Tochter des Wielands, erweist sich als sehr folgenreich. Frodewin will mit Tores jüngsten Brüdern, und allen willigen Jungkarlen die wilde Wikingfahrt vor Sonnenaufgang an unserer Flussmündung starten. Die Flüsse sind die Lebensader für den Handel zwischen der westlichen und der östlichen See. Der kundige Teningur, für den ich das Schwert des Schmiedes von Jarl Ruriks Sippe erworben habe, hat versprochen unsere Nordmänner zu fernen, reichen, südlichen Küsten eines anderen Meeres zu führen.

Aber es kommt ganz anders...

Der volle Mond, Mani, Bringer einer wärmeren Zeit, tritt zwischen Wolken hervor, glänzt auf dem Eis der frühen, kalten Stunden auf kahl gefegtem Erdboden und an den nassen Holzpfählen der Wehr. Er zeigt mir einen ungehörigen Schatten… die kleine Ausfallpforte steht offen! Ich renne, fliege, rutsche, gleite und haste gebeugt durch die niedrige Öffnung. In einer Bewegung ziehe ich mit der Linken Teningurs gewichtiges Schwert aus der Scheide am Rücken und mit der rechten Hand ein leichtes Wurfmesser aus meinem Stiefel, nicht zu früh! Eine zerlumpte Gestalt hängt Teningur im Rücken. Mein Messer fährt mit klatschendem Laut in Fleisch und Knochen, der Getroffene fällt auf den noch fest gefrorenen Boden, zwei weitere, sprachlos keuchende Angreifer schickt Teningur mit starken Stößen seines Stabes hinterher. Tores Axt hackt mit Links in die Köpfe der Gestrauchelten, während er sich wütend knurrend mit dem Schwert in der rechten Faust anstürmender Söldner erwehrt, die er nicht aus den Augen lassen kann.

Das neue Schwert schlittert übers Eis zu Teningurs Fuß. Er hört das gleitende Eisen mehr als er es sieht, denn er kreist auf der Stelle, den langen Schäferstab in beiden Fäusten, um sich dunkler Angreifer zu erwehren, und um ihn verdichtet sich ein seltsamer Nebel, ein Nebel wie ein hell-weißer Schatten. Aber auch im Vollmondlicht tanzt Teningurs schwarzer Schatten zu seinen Füßen auf dem Eis. Dann hievt er mit einem Fuß das Schwert in seine Kampfhand und köpft den von meinem Wurfmesser Verletzten. Da verdichtet sich der weiße Schatten zur silbern glänzenden Gestalt einer Frau. Ich glaube einen Moment drei Gestalten im Schwerttanz zu sehen. Eine Schwertschwingende Frau? Sie schwingt scheinbar ein Schattenschwert, blitzhell und blitzschnell tötend. Aber es grüßt wohl aus dem Nebel nur das graue Glänzen des Stahls. Oder?

Beide Verteidiger der Schwelle wüten mit tödlicher Präzision unter den mordlüsternen Eindringlingen. Ich eile ich zu meinen, in der Tür des Stalles von Gara und Gaska nur mühsam zurückgehaltenen Söhnen Tori und Tryggur. Ich kann plötzlich in ihren angstgeweiteten Augen Gefahr für Tore erkennen. Mein zweites Messer fliegt, mein zweites Messer trifft! Ein blau blitzender Dolch verfehlt Tores Rücken. Ein kleiner Mann ohne Rüstung, bloß im Kittel, fällt zu Boden. Als ich ihn erreiche hebt er den Arm. Sein Dolch ist schwach geführt, denn ich habe gleich mit meiner Linken den tückischen Schleicher an der Kehle. „Ich bin doch nur ein Dieb!“ Flüstert der, ehe sein eigener Dolch in meiner Rechten ihm die Gurgel abschneidet. Es ist Tores Kniesehne, die er noch hinterrücks im Fallen durchgetrennt hat. Mit einer vergifteten Klinge! Der Feigling jedoch ist als erster mit jenem tückischen Dolch dem Tode anheimgefallen.

Ich bin rasend vor Wut. Der kleine Dieb hat erst spioniert, dann scheinbar herrenlose Söldner zu unseren Wällen geführt. Einer unserer Sklaven hat ihm die Pforte geöffnet. Welcher? Ich erforsche in der flachen Wasserschale ein Bild aus der Vergangenheit: Der Händler aus Haithabu verhandelt mit Tore, sein baumlanger, zerlumpter Träger besticht den jüngst erworbenen, rostroten Sklaven mit Worten, die ich im stummen Bild nicht hören und nicht erahnen kann. Ich sehe die Münder nicht, nur Gestalten hinter Wagenrädern. Das macht nichts, denn ich erkenne den Rothaarigen, den Tore wegen seiner Rechenkünste gekauft hat. Der Kupferkopf ist offensichtlich mit den wenigen, entkommenen Söldnern geflohen. Warum? Hat er den Dieb mit dem Giftdolch gedungen? Hat er den Träger als Streiter erkannt? War dieser im Gewühl des Kampfes meinen Blicken entgangen, wie ihnen die weißschattene Frau mit der silbernen Nebelklinge plötzlich entschwand? Ich muss mit Teningur reden!

Teningur bleibt nun am Hof. Tores Brüder schlagen mit Frodewin Routen nach Hinausnord und Landnord ein, Fährten, die schon Tores fähringische Vorfahren kannten: Ich folge ihnen in der dunklen Wasserschale. Das westliche und östliche Meer, breite Flüsse, riesige Seen zeigt sie mir. Ich sehe Bilder vom Althing auf Tinganes, von Thorshavn, Jomsburg und zum Schluss Holmgadr. Tores Brüder wollen weit hinaus. Sie werden überall auf entfernte Verwandte, Utlandige, Framlinge und schließlich auf Varelse, wahrhaft Fremde stoßen. Wie lange werden sie unterwegs sein?

Ich wache viele Nächte an Tores Krankenlager. Meine Schwester Helgard, Wintergast an Jarl Ruriks Hof, kommt und wendet ihre ganze Kunst auf, um Tore zu retten. Es gelingt ihr knapp. Die meisten seiner Karle genesen schneller. Mir ist die Pflege bis zu Tores vollständiger Genesung auferlegt, als Helgard erneut zum Hofe Harald Blauzahns reisen muss. Der König von Dänemark und Norwegen hat gerufen. Helgard kommt ihrer Verantwortung nach und ich der meinen.

Wir haben so viele Verluste und Verwundete: Torkell, Tores kenntnisreicher Vetter stirbt. Verletzt sind einige seiner Bastardsöhne, die Wachen am Wall. Alle haben Narben von Stichwunden im Rücken. Gara trauerte lange um Torkell. Die Herrin des Hofes musste stark sein für den Jarlshof und das Handeln aller seiner Menschen. Ich trage die Verantwortung für viele Leben, nicht nur für die beiden, auf die ich den Großteil meiner Aufmerksamkeit richte: das in mir wachsende des kommenden Kindes und das unter meinen Händen schwächelnde des Jarls. An Mittwinter folgt der gedämpften Festfreude der erste Jubel. Der Herr wird aufstehen! Ich gebäre bald darauf wieder Zwillinge. Von da an wächst die Hoffnung stetig.

Und Jarl Tore sitzt ab heute zu Pferde, wenn er seinen Hof überwacht. Stolz kann ich in meinen kommenden Sommer schaffen. Hof und Pferdeherden erstarken, Kinder und Kälber werden geboren, halbwilde Schweineherden wachsen im Wald auf. Tore tauscht Pferde gegen Jarl Ruriks berühmte Schiffe, fährt seine Füllen auf nahe Märkte. Die Mühen nehmen ständig zu. Helgards Zwillinge müssen sich schnell entwickeln, denn sie müssen mir nach und nach einen großen Teil der Arbeits- und Aufsichtspflichten abnehmen. Gaska tut, was sie kann, aber sie ist auch nur eine Magd. Gara kümmert sich um alle Kinder, auch um die kleine Aradis, Blitgards zweite Tochter und um meine Jüngsten, die ich Targa und Trafi nenne, denn sie sind in Schild- und Rabenzeit in meinem Leib gereift. Tore und die Karle kämpften um unser aller Leben.

Teningur ist unser bester Mann. Ich beauftrage Teningur mit vielen Aufgaben, die ich ihm vorher nicht zugetraut habe. Teningur hat längst darauf hingewiesen, daß Tore neue Hunde und neue Sklaven brauche, junge Hunde und junge Sklaven, die Tore selbst erziehen müsse. Jarl Tore hat es lange aufgeschoben. Teningur kauft neue Sklaven und einen neuen Hengst aus einer Rasse, die nur er kennt. Teningur versteht viel von Pferden und Männern. Er wird Tores eifrigster Gehilfe. Nur junge Frauen fehlen allenthalben. Alle Karle, Vettern und Bastardbrüder des riesigen Tore, zeugen zukünftige Männer, die schon bei ihrer Geburt kräftig brüllen. Jede Sklavin, die einen Sohn gebiert wird freigelassen. Das kann man nur einmal tun. Es mangelt immer noch an tüchtigen Mägden! Teningur bringt junge Sklavinnen von Handelszügen mit. Tore kauft sie. Sie müssen erzogen werde. Das ist meine Aufgabe. Ich erwarte, dass Gara, Gaska und Helgards Mädchen gute Vorbilder sind. Die flinken Zwillinge versprechen gute Hausfrauen zu werden. Loki hat mir nichts versprochen, ich habe nur Leben von ihm gefordert, kein Glück. Aber ich bekomme es!

In allen folgenden Sommern sind die Ernten reich. In der Nacht eines Erntemonds fällt ein glänzender Stern vom Himmel. Niemand außer mir sieht ihn auf die Tenne fallen. Das Korn ist gedroschen und geworfen. Dicht liegt Stroh auf dem flachen Grund und darauf Helgards Zwillingstöchter. Die Jungfrauen sind zu strahlender Schönheit erblüht. Loki schwängert sie beide in dieser Sommernacht. Die eine der Schönen schlummert knapp, da drückt er schon die andere ins Korn. Ein fuchsspitzes, rotgoldenes Lächeln wirft er mir zu, als er sich in jenen schönen Mann verwandelt wie einst, schimmernd und schweigend. Diesmal verschließe ich Augen und Ohren nicht, genieße die wilden Bilder, denn Loki will meine Blicke. Ich will seine Berührung, bekomme sie aber nicht, weiß, ich bekomme sie nie. Ich soll nur der Sippe bezeugen, dass sie Loki Männer geben wird, später, viel später.

Jetzt geben die Wikingerjarle ihre Karle König Harald Gormsohns Kriegen gegen das Reich. Es sind neue Feldzüge geplant. Blauzahn versucht immer wieder, sich ein Stück von dem großen Landbesitz abzuzwacken. Er hat nicht viel nennenswerten Erfolg mit seinen Sommerscharmützeln auf dem Festland, wohl aber auf der großen Insel wo Jomsburg liegt. Ich höre nur veraltete Neuigkeiten. Jarl Rurik weilt mit kurzen Unterbrechungen fast ständig bei Harald. Die unordentliche Wirtschaft tut seinem Jarlshof nicht gut. Rurik befiehlt seinen Erben zurück und fordert eine Herrin für den Hof. Frodewin solle sein Erbe antreten, statt im Sommer die Meere zu pflügen und Winter um Winter bei seinen Handelspartnern im hohen Norden zu weilen. Er hat sich vom Verband der Jomswikinger gelöst. Frodewin durchstreift das Meer, die silberne Halskette der Erde, den glücklichen Ort, wie er es nennt, mit seinem eigenen Schiff und wenigen Karlen. Er kauft und verkauft Kostbares: Sklaven und Salz, Eisenbarren, Werkzeuge und Waffen. Frodewin handelt an festen Plätzen mit festen Partnern. Wer ihm treu ist, erwirbt sein Teil!

Kurz vor dieses fruchtbaren Sommers Ende entlässt Jarl Tore seine treuesten Gefolgsmänner, die beiden jüngsten seiner Brüder, Toralf und Torleif, wie es mir ein Wahrtraum vorausgesagt hat. Er gibt ihnen für ihr neues Land nahe Holmgadr was sie brauchen und Helgards goldrote Zwillinge auch. Die werden im nächsten Sommer starke Söhne haben, Lokis Abkömmlinge. Tore hatte beim Sonnwendfeuer meinen Rat gesucht, um Streitigkeiten der jungen Karle an unserem Hof zu vermindern, denn jeder begehrte die schönen Mädchen und Tore führt nun aus, was ich ihm riet. Obwohl ich es vor langem träumte, kommt es mich nun hart an: Helgards goldene Zwillinge waren bis jetzt meine Vertrauten. Herrschaft macht einsam.

Bald jedoch kommt ein neuer Winter. Es werden vielleicht unsere Drachenboote, unsere Wikinger zurückkehren. Ich warte und träume.

In der Nacht, als der erste weiße Frost kommt, flüstert ein Kleiner mir Trost zu. Den fernen Zwillingsfrauen ergehe es wohl. Ich bitte den Wicht vergeblich, ihnen welche vom Kleinen Volk zu schicken. Nur mir und meinen Nachkommen will er dienen, sonst keinem Menschen. Ich verstehe das, denn meine Mutter war aus dem Alfengeschlecht der grünen Insel. Sie hat Jarl Rurik nie verraten, wer mich zeugte, trotzdem nahm er mich als rechtmäßige Tochter an.

Ich bin beschützt von starken Männern und guten Geistern. Was nützt das meiner Sehnsucht? Helgard weilt auch im Norden, sie denkt nicht an mich. Das wüsste ich! In den Raunächten gibt es Wintergewitter. Für mich gibt es lichte Wahrträume. Ich sehe meine Schwester mit einer ihrer Töchter an Toralfs Feuer. Helgards Hand liegt auf dem müden, von Schmerz geschüttelten Leib und sie frohlockt: „Söhne! Zwei!“ Ich sehe die uralte Völva, krumm nun, an einem tief verschneiten Holztor Herberge erbitten. Ein Blitz erleuchtet es. Torleif öffnet mit dem Schwert in der Hand. Er verbeugt sich. Sein hochschwangeres Weib, liegt dort im Licht. Die Alte eilt über die Schwelle. Donner grollt. Wind wütet. Wellen krachen. Meine Wahrträume sind fast immer auch Angstträume. Ich erwache. Werden die Töchter Lokis gesunde Kinder zur Welt bringen? Vier Söhne Lokis? Werden sie selbst leben? Werden alle dem grausamen Winter dort so fernab gegen Sonnenaufgang standhalten? Holz und Schnee schützen sie. Was ist unter der dicken bleichen Decke? Fels, Gras, Wasser, Bruchland? Weißer Wald und Schneewehen soweit der Traum leuchtet...

Frodewin wird dem Befehl Jarl Ruriks folgen. Schon bald wird er die Herrschaft an unseres Vaters Hof übernehmen, sagen seine Boten. Er muss. Rurik ist aus dem letzten Geplänkel Blauzahns mit den Franken verwundet zurückgekommen. Zum Julfest hat Jarl Tore einen einäugigen, grauhaarigen Gast empfangen, Jarl Rurik, meinen Vater. Ich denke an Odin den Weisen, wenn ich mit ihm spreche. Er hat Gäste von seinem Hof mitgebracht, befreundete Männer und Frauen aus Haralds Gefolge. Jarl Hakon aus Norwegen ist der Berühmteste. Ich begrüße eine stattliche blonde Edle, die ich für seine Frau halte. Im ersten Augenblick scheint sie mir bekannt. Sie lächelt stumm ob meiner Frage. Das macht sie noch schöner. Ich bin für einen Atemzug lang verwirrt. Ich vergesse jedoch meine Verlegenheit sofort, denn die Bewirtung der hohen Gäste ist meine und meiner Töchter Ehre. Klein Aradis bringt Stechpalmenkränze um die Stirn der Frauen zu schmücken. Tyra schenkt kostbaren Wein in Silbergefäße.

Ich kann mich bald den Gesprächen widmen. Endlich erfahre ich mehr von König Harald Blauzahns hochfliegenden Plänen! Kaiser Otto starb im Sommer. Sein Sohn Otto ist jung. Es wird Wirren um seine Nachfolge geben vermutet Harald Gormsohn. Tagelang beraten sich die Jarle, während die Karle sich an den Wettkämpfen erfreuen, scherzen und prahlen.

Ich rufe zur Eberjagd auf. Das wird sie beschäftigen, die Jungen! Die Alten sitzen sparsam trinkend am Hochsitz und verhandeln zäh. Meine tüchtige Tochter Tyra weiß das fremde Weibsvolk zu unterhalten im Webhaus, im Geflügelhaus und in den warmen Quellen.

Teningur wird die wilden Jäger anführen. Sklaven gehen als Treiber und Träger hinterher. Die klügsten Sklaven wachen über die Reit- und Schlittenpferde abseits in den Hügeln, als die Spießträger ausschwärmen. Ich sitze auf den ausladenden Kufen und sinne über das Gespräch der Jarle. Sie wissen vom Tod Ottos. Das Danewerk, der Wall Gorms, den Harald ausgebaut hat, soll gegen das Reich. Dunkelwald, Myrkvidr, nennen die Alten das Grenzgebiet zwischen den Franken und Dänen. So nahe bei uns. Haralds Truppen sollen hier nicht kämpfen. Er plant eine Seeschlacht im Spätwinter in der Gegend von Slesdyr an der Mündung des Flusses Slien. Da soll Hakon mit seinen und Ruriks Schiffen angreifen. Tore soll ihnen die Wege und Schiffbarkeit der Flüsse aufzeigen. Blauzahn selbst schickt sein Heer nach Süden nach Holsten, das zum Gebiet des Vaters seiner Frau Tofa gehört oder wenigstens gehören soll. Harald hat sich viel vorgenommen. Was wird er erreichen? So weit in die Zukunft kann ich nicht schauen, Helgard vielleicht. Ich widme meine Aufmerksamkeit lieber der Gegenwart.

Mächtige Sauen und Eber mit Hauern durchpflügen den Schnee an der Bruchschneise mit bestäubten Schnauzen, suchen nach Wurzeln und kalten Krabbeltieren. Keuchend fährt der Wind durch das Bruch, bläst mir ins Gesicht und den sich anschleichenden Jägern auch. Lange Spieße erlegen genug Getier, doch meine Söhne fluchen, weil der mächtigste Eber aus der Schneise ins Holz entkommt. Flinken Fußes folgen die beiden dem Wildschwein. Sie sind jung, stark und unerfahren, meine Söhne. Der alte Eber sucht sich den schnellsten Weg schräg hinunter in die Schneise und er rast auf mich zu. Sehr leise bewege ich mich rückwärts hinter den leeren Schlitten. Die Treiber und Träger stoßen schrille Angstschreie aus. Das Tier, eingekesselt vom Lärm, wird noch wütender, nähert sich dem dunklen, unbeweglichen Holzschlitten. Ehe ich erschrecke, ist sie da, die Nebelfrau. Teningur hat das Schwert blank gezogen! Ich begreife endlich, wer die schöne Schattenkriegerin, der Geist der Ulfberhtklinge ist. Ich habe sie am Tor der Halle bekränzt und mit Wein begrüßt. Es ist Walborg, Wielands Tochter, die er anstelle eines siebenten Sohnes zu seiner Erbin ernannt hat. Ich hatte in Tores Namen ihr einen Sohn versprochen. Ich habe sie nicht erkannt bis heute! Trotz der blanken Erscheinung muss ich lachen: Mit einem Schwert gegen wilde Schweine… Die nebelhafte Geisterfrau löst sich auf.

Teningur treibt aber nur mit der flachen Klinge nur säumige Jäger voran. Aber da sind schon meine kräftigen Söhne mit den Sauspießen. Sie sind die Helden des Tages, erlegen den alten Eber, der blindwütig gegen hölzerne Schlittenhörner kämpft. Das Ende des Abends bringt noch mehr Gelächter nach dem Gelage über von Fett tropfenden Spießen am offenen Feuer, als Teningur den tollkühnen Kampf der Toressöhne gegen den schrecklichen Keiler und den tückischen Schlitten besingt. Tori und Tryggur sind leicht betrunken vom Lied und vom Met.

Die Frauen scharen sich am Feuer um Jarl Tore. Die schöne Walborg trinkt aus seinem gefüllten Horn süßen Met. Ihr goldener Zopf hängt herab, beinahe bis zum Eis unter dem Holzklotz, auf dem sie sitzen. Das Feuer ist heiß und hell und das dünne Eis schmilzt. Ich setze mich zu Teningur auf die etwas entfernte Bank an der Hallenwand. Wir reden das erste Mal über das Schwert, den Geist, den Kampf um das Leben des Jarls und den Hof. Wir reden überhaupt das erste Mal. Ich erzähle von meiner Sehergabe und von meinen Wahrträumen. Ich erkläre ihm, was ich versprochen habe, was ich gesehen habe. Dann höre ich zu.

Teningur spricht sehr leise. Er habe es gelernt, fremde Geister und Geheimnisse zu fürchten, erklärt er. Jenen alles beherrschenden Geist der Dreigötter fürchte sogar der Kaiser in Byzanz. Dessen Wohnstätten seien in dicken Mauern, wo ihm prächtige Diener Rauch und Gesänge opferten. Stumm und tief beuge sich das Volk vor ihnen, wenn sie in goldenen, Häusern gleichenden Gefäßen den Geist in duftenden Rauch gehüllt durch die Stadt trügen. „Doch sind sie keine Herren. In Byzanz ist jeder Sklave.“ Sagt Teningur. Sein Wikingervater habe als Soldat um Gold gedient, mit Gold die Freiheit seines Sohnes gekauft und ihn nach Norden gesandt. Er, Teningur sei Sohn einer Sklavin. Er sei frei durch den Süden gezogen, Söldner der Karawanen, habe sich selbst und sein Schwert später wieder verkauft, nämlich an das Drachenschiff, das ihn zu Tore brachte. Er wisse, dass auch Jarl Tore Geister und Gespenster fürchte, weil Jarl Tore ihm, dem Landfremden, die Last auferlegt habe, die Sklavin im Moor zu versenken. Deren Geist irre dort bösartig und ruhelos umher.

Teningur und Tore haben recht getan, denke ich: Das Moor gibt meine mörderische Feindin nicht frei. Das Land kennt ihren Richter, aber nicht ihren landlosen Henker. Kein Irrwicht führt den Eingewanderten ins Moor.

Dann spricht Teningur vom Ulfbehrt: „In des Kampfes Wut enthüllt es sich selbst, das Geheimnis des kostbaren Schwertes, sobald der Besitzer die Klinge in todbringendem Streit in Blut taucht. Es ist mein Schwert, weil ich es mit Blut weihte. Ich habe ihn damals gespürt den Geist, Herrin. Ich zog das Schwert nie mehr nach der Schlacht um des Jarls Hof und Leben. Du sahst selbst den kämpfenden Spuk. Wir beide nahmen ihn nicht ernst. Wir lachten ob der eingebildeten Gespenster. Ich lachte aus Furcht. Und du, Herrin Alfrada?“ Ich seufze. „Ich habe die Spukgestalt einfach vergessen. Ich hatte so viel zu fürchten und zu tun… Das Schwert ist ein Geschenk an dich von Jarl Tore, aber er hat es noch nicht bezahlt.“ Ich werfe einen Blick zum zusammensinkenden Feuer.

Nach kurzer Überlegung erzähle ich vom Kleinen Volk. Teningur brauche sie nicht zu beachten, wenn er die Kleinen sähe, sie dienten nur mir. Die Bewunderung in des Mannes Augen gefällt mir nicht und sein Ausspruch noch weniger: „Du bist eines Alfenkönigs Tochter, Herrin. Die Alfen leben noch in den Wäldern jener Inseln deiner Mutter, zauberkundig, mächtig und schön!“

Ich schüttele unwillig den Kopf. Teningur schweigt und ich denke, was ist wenn er Recht hat? Bin ich Nachfahrin minderer Götter? Was soll mir das nützen unter Dänen und Friesen? Meine Furcht vor Geistern und Göttern hält sich in Grenzen. Männer und Frauen sind viel gefährlicher. Walborg lächelt herüber und winkt mir.

Ich habe es versprochen, Tore weiß es, das Schwert Ulfberht kostet mich die Nacht mit ihm. Aber Tore nimmt uns beide auf sein Lager, mich trägt er und kost er, die stattliche Schmiedin bestürmt und schwängert er. Und wie sie beide lachen! Oh, wie sie lachen! Die Schmiedefrau tätschelt meine zornesroten Wangen, küsst meine zerbissenen Lippen, nachdem sie ihrem Reiter zum Abschied laut aufs Hinterteil geklatscht hat. Er schnarcht. Sie geht. Ich schleiche ihr nach. Ich sehe die stolze Schönheit auf Tores riesigem Kampfross davon sprengen, kaum dass die Torwache die schweren Flügel aufgeschoben hat. Ich helfe dem Karl den Balken wieder zu sichern. Gehe leise durch die kleine Pforte. Das Ross wird morgen angetrottet kommen. Es weiß ja auch, wo es hingehört. Der tiefe Friede der Nacht beruhigt meine Eifersucht. Tore hat Teningurs Schwert bezahlt.

In der Nacht des vollen Mondes, in der Zeit der vierten Wache, der letzten vor der Dämmerung, ruft mich eine Ahnung wach. Der lärmende Tag war dem Zurüsten des Aufbruchs der Gäste gewidmet. Jarl Rurik nimmt meine beiden Ältesten zu sich, erst zu seinem Hof, dann zum Königshof. König Harald traut seinem Verbündeten Hakon nicht, er schickt Rurik mit ihm. Ruriks Enkel sind Geiseln für beider Wohlverhalten. Haralds Arm ist lang. Mein Vater hatte eine seiner Enkelinnen Harald Gormsohns Sohn versprochen. Welchem? Er wählte nicht Blitgards, sondern meine Tochter. Tyra lasse ich aber nicht ohne ihren Zwilling ziehen. Der Verspruch ist noch nicht bindend, aber vorteilhaft für alle Beteiligten, selbst für Tore. Frodewin wäre die Geisel gewesen, wäre er nicht längst aller Vormundschaft entwachsen und aufs Meer entwichen. Die Nacht unter dem Mond ist hell, es zieht mich hinaus. Das Tor ist nicht mehr verschlossen, aber doppelt bewacht. Die Gäste werden am Morgen zu Ruriks Hof ziehen und nach dem Thing zu Harald. Das Thing wird einberufen bei Dunkelmond. Dann werden Tori Mittwinter und Tryggur, der Treue, den Jarl Tore zu seinem Erben erklärt, beide zu Karlen geschworen.

Ich gehe hinunter zum Fluss Frodewin kennt meine Hellsicht. Wartend sitzt er am Hang unter blattlosen Erlen an rauchloser Glut. " Nun bin ich endgültig heimgekehrt." Sagt er nach langem Schweigen. Wir essen Lachs, den er über seinem winzigen Jagdfeuer gegrillt hat. Der Fuchs in der Ferne verspeist die Reste. Ich denke an Loki. In der Nacht warnt uns kein Falkenschrei. Der Fuchs wird wittern wenn jemand kommt. Der Schnee wird knirschen. Frodewin recht mir einen winzigen Becher mit starkem Wein. Wir sehen einander in die Augen; es ist als würde er mich wieder in ein wärmendes Gewand hüllen. Ich trage weißen Fuchspelz lose um meine Schultern, fühle nach dem Gold am Hals, der Kette mit dem Thorshammer, dem ersten Geschenk. Frodewin greift nach meiner Hand und umschließt Kleinod und Rechte mit seinen beiden kampfgehärteten Händen ganz sanft. Ich drücke meine Linke obenauf. „ Ja!“ Sage ich, als täte ich eine Frage beantworten, die nicht einmal sein Blick ausdrückt. Wir werden noch genug Zeit zum Reden haben. Er kommt zum Thing und dann zu uns. Er will Aradis, seine zweite Tochter gegen Blidka tauschen, die ich auszubilden versprach. Wir werden vieles auszutauschen haben. Alles unter den Augen der Jarle Tore und Rurik, meines Gatten und unseres Vaters, fürchte ich.

Frodewin hat seine jüngsten Kinder noch nie gesehen, wenn er auch von Ihnen durch Boten Kunde hat. Er wappnet sich schon jetzt gegen Gefühlsaufruhr. Ich sehe es in Haltung, Gestalt, Gesicht: Frodewin ist kein Jungkarl, kein Erbe mehr, er ist würdig die Verantwortung eines Jarls zu schultern. Sein Blick schätzt mich ab, wie der meine ihn geprüft hat. Er lächelt. Ich erkenne Stolz und Bedauern darin, mehr Stolz und Begehren als Bedauern. Was sieht er in meinen Augen? Freude denke ich. Meine Ahnungen haben mich nie betrogen. Das Band zwischen Frodewin und mir ist noch immer mehr als brüderlich. Unser kurzer Abschied wird von dieser Freude getragen, wie Frodewin in seinem leichten Boot, das zum weit draußen hinter der Flussmündung ankernden Drachenschiff fliegt.

Als ich zum Tor zurück kehre höre ich den Hof mehr als ich ihn sehe. In der Nacht sind alle Geräusche lauter, die Stimmen tragen weiter, wenn der Morgennebel am Fluss sie nicht dämpft. Dort hinter den Nebeln rötet sich schon schwach der Himmel, die graue Stunde der falschen Dämmerung ist vorbei und der Mond ist im Sinken. Er wird noch eine Weile zu sehen sein, wenn die Sonne aufgegangen ist. Ich bin voller Zukunftsfreude. Ich singe für mich: „Ein Baum hat dreizehn Äster und jeglicher Ast hat vier Nester und in jeglichem Nest sieben Junge…“ Ich rechne stumm: Wievielte Junge habe ich? Vier von Frodewin und mir, eins von Tore und der Toten, eins von Blidka aber eines fehlt mir noch!

Ich suche im Halbdunkel meine Wichte. Sie sind nicht da. Aber zwei dampfende halbnackte Gestalten laufen mir entgegen. Tori und der rote Tryggur, letzterer den hohen, schlanken Blondkopf noch um eine Handbreit überragend, begrüßen mich ungezwungen wie in Kindertagen. Tori überschüttet mich mit Neuigkeiten, die ich längst weiß. " Ich begleite Tyra, Jarl Tore hat es erlaubt..." Tryggur, der zukünftige Erbe wirft eifernd ein: " Er wird kein landloser Wikinger sein, denn er kann immer zu uns zurückkommen zu Jarl Tore und mir..." Ich höre zu und genieße etwas, das man Glück nennen kann. Die jungen Männer verlieren sich im Dunkel des Langhauses. Das war ein ganz eigener, verschwiegener, zweiter Abschied heute Morgen: Abschied von den Knaben.

Tyra kümmert sich pflichtbewusst und pfleglich um die Vorbereitung des Tages. Sie sendet verständige Mägde zum Kochhaus, beaufsichtigt die Holz tragenden Sklaven und die Jungknechte. Die Männer rüsten die Pferde, füttern sie vor der Abreise der Gäste. Tyra friert im Morgenrot. Ich gebe ihr meinen weißen Pelz, den ich nur trage, wenn es gilt hohe Gäste zu empfangen und zu verabschieden. Mein Mädchen greift flink danach. Ich suche ihren Blick, aber der ruht auf dem Gold an meinem Hals, dem geheimen Geschenk Frodewins. „Du kannst ihn behalten, den Mantel“, sage ich. Sie dankt mit gewählten Worten, weiß sie doch schon, dass sie mit ihrem Bruder als Geisel und zukünftige Braut eines Unbekannten an Haralds Hof ziehen wird. "Wähle Dir auch ein Pferd aus." Tyras Augen ruhen immer noch gierig auf meinem Gold. Ich schiebe es in den Ausschnitt des Untergewandes, denn nur Männer und Mägde zeigen offen wertvollen Zierrat, um damit zu prahlen. Freie Frauen schmücken sich, um ihre Gäste zu ehren.

Tyra hätte genug Verstand, um das wertvollste Pferd zu wählen, den weißen Abkömmling von Jarl Tores Kampfross, aber sie wählt das falsche Pferd. Teningur hat mit der Zucht der neuen Pferderasse gerade erst begonnen. Wir kennen die Eigenschaften der gescheckten, auffälligen Stute noch nicht. Beide sind wahrscheinlich nicht so sanft, wie sie sich geben, Pferd nicht und Reiterin nicht. Tyra findet wohlgesetzte Worte zum Abschied und zu meiner Herzensfreude ein zukunftsgewisses Lächeln. Es ist das Lächeln einer Frau.

Der sonnige Tag beginnt und Blidka kommt. Das bestätigt zwei meiner Vermutungen: Frodewin hat seine tüchtige Tochter eingeweiht und Blidka möchte neben meiner herrischen Tyra nicht an Jarl Ruriks Hof leben. Ich empfange sie frohgemut. Sie wird mir Vertraute und Helferin sein, denn sie ist stattlich und über ihre Jahre hinaus verständig. Mein Tore will sie für Tryggur haben. Wir wollen sie wie eine weitere Tochter behandeln. Leicht hat sie es nicht gehabt unter der alten Magd Wunna und Jarl Rurik. Nach dem Dunkelmond wird der Jarlshof Frodewins Eigen sein. Nach dem Thing wird aller Schicksal neu entschieden, ahne ich. Wie?

Die erste Botschaft der Norne Urd ist die Kunde vom Tode der uralten Völva. Meine Schwester Helgard bringt sie uns. Sie tritt gut vorbereitet ihr volles Erbe als Völva, Groa und Spakona an. Unser Vater wird Heilgard hochgemut mit sich nehmen zu Harald Blauzahn. Sie aber mutmaßt ungewisses Unheil, nicht nur für Harald. Meine Hellsicht trifft sich mit der ihren. Wir wähnen beide, Werdandi teilt uns noch großes Ungemach zu.

Der Kreis des Mondes vermindert sich, bis endlich nur die schmalste Sichel die kalte Finsternis erhellt, in der die Jarle und Karle zum Thingplatz reiten. Unruhig durchwache ich die Nacht und hastig hantierend hetze ich den Obliegenheiten des hellen Tages hinterher. Warum? Recht wird gesprochen und Bündnisse werden geregelt auf dem Thing. Der Krieg ist längst beschlossen. Ich wähne nicht, welche Gewalt mich bedroht.

Sie kommt wie ein Blitz, wie ein Sturm der, mich beugt: „Jarl Tore ist tot!“ Kündet mir der weiße Geist des Schwertes; von der silbernen Klinge tropft Schattenblut auf schwarzes Eis. „Ich habe ihn gerächt!“ Im Schwinden rinnen überreich Schattentränen vom gesenkten Gesicht der Spukgestalt auf das silberne Geisterschwert und die Schattenblutlache. Ich strecke die Arme aus, die Erscheinung zerfließt und lässt das Gefühl ehrlichen Grams zurück. Ich aber bin erstarrt zu Stein und Eis.

So bleibe ich, als die Männer kommen und trauern, als ich Totenwache halte an der Bahre des Gefällten, als Grablege und Grabreden die Trauer, das Erstaunen und die Wut der Karle und Knechte, der Frauen und Freigelassenen lösen. Ich stehe als kalter Stein am neuen Hügel neben den Ruhestätten aller Ahnen der Sippe, welcher Tores Leib, Schätze, Schwert und Pferd geborgen hat, aber nicht sein Lachen. Sein Lachen dröhnt in mir, als sollte ich bersten, wenn mich einer berührt, bis Teningur herzutritt.

Ich setze im Takt Fuß vor Fuß und der Freigelassene setzt regelmäßig Wort an Wort. Ein Meldegänger, der Schreckliches geschaut und doch pünktlich den Hergang des Gefechts darlegt. Dabei schildert der eisbleiche Teningur nur einen kurzen Zweikampf: Herausforderung, Schlagabtausch, Sieg.

„Der Zeitpunkt, Herrin war gut gewählt, alle Rechtsfragen waren geklärt, die Bündnisse für den Winterfeldzug geschlossen, Jarl Ruriks Gefolgschaft war eingeschworen. Da bezichtigte ein hochgewachsener Karl, der angab aus dem Gefolge Olaf Sigtryggsons von der grünen Insel zu sein, Tore lautstark des Mordes an einer Verwandten. Bei euch, Herrin, ist sogar jeder Krieg ein Kampf zwischen verfeindeten Verwandten. Rache ist euer Gesetz. Die Sippe ist euer Schutz. Also bezeugte Jarl Frodewin klar, dass Jarl Tore seine entlaufene, mörderische Sklavin gerichtet habe. Trotzdem forderte der Fremde im Namen seines Herrn Doubgaill Jarl Tore zum Zweikampf. Doubgaill! Das ist ein böser Scherz – schwarzer Fremder heißt das, so nennen jene Inselleute jeden Dänen. Der Mann war ein gut ausgebildeter Söldner. Er war aber Jarl Tore nicht gewachsen. Tore siegte und lachte. Und dann sprang der schmächtige, rostrote Sandalenträger …“

Teningur verstummt am Tor der Halle an. Männer, die trauern, trinken. Tyra und Blidka schenken Met aus, nippen höflich an den Trinkhörnern der Trauernden, nicken stille Grüße in Raunen und leises Wehklagen hinein. Die meisten Männer schweigen mit gerunzelten Brauen. Es scheint wie in den Liedern der Barden, aber keiner singt. Tyra und Tori, Tryggur und Blidka geleiten mich zum Hochsitz, neben dem Helgard mit dem Kelch wartet. Ich muss den Gästen zutrinken, aufrecht und still. Tores Platz ist leer. Hinter der hohen Lehne steht mein Vater und kündet dem Erben Tryggur Toresohn seine Trauer und Treue. Er spricht mit kalter Wut, die er gegen niemanden richten kann. Denn Jarl Tore ist gerächt. Es findet sich ein Barde, der Taten besingt, die ich nie sah. Helgard führt mich hinweg aus der Halle unter den sternglänzenden Himmel am Gabenstein. Teningur folgt als mein Schatten.

Helgard beschwört im Halbdunkel den Thingkreis der Jarle und Karle herauf. In der wassergefüllten Mulde im Granit glitzert zitternd ein silberner Blitz, trifft inmitten der Männerrunde drei schwarze Schemen, verblasst und hinterlässt ein klares Bild:

Teningur senkt sein Schwert zur Erde neben drei Tote, den Sieger Tore, den Herausforderer aus Olafs Gefolge und den namenlosen Meuchelmörder mit rostrotem Haar und Mönchssandalen. Die Rache für den Mord an Tore ist vollzogen. Von wem?

Teningur spricht furchtsam zögernd: „ Es war der Geist des Schwertes, der sich meiner bemächtigt hat. Manche Männer raunten, sie hätten einen silbernen Blitz, eine Schlange oder einen Fisch im Fluge gesehen…“ Helgard bestätigt: „Das ist möglich, denn des Schildes Schlange und der hochschnellende Fisch sind die Kenningar, die Bardenbilder für das Schwert.“

Teningur atmet seine Angst vor Geistern geräuschvoll aus. Er sagt, er habe plötzlich nur den abgeschlagenen Kopf des Mörders am Boden gesehen. Er selbst wisse nicht, wie er vom entfernten Rande des breiten Kreises um die Kämpfer in den Rücken Tores gelangt sei und den klammernden Messerstecher geköpft habe. Er habe nur den frostigen Schwertgriff unversehens in seiner Hand gefühlt und dann habe er sich selbst überhaupt nicht mehr erlebt, sondern nur einen Eissturm. Die Kälte wäre noch in seinem Blute gewesen, als er seine Beine wieder fest auf dem Boden gespürt habe neben drei Toten: Sieger, Herausforderer und Meuchelmörder. Tore sei gerächt worden durch den Geist der Schwertfrau.

Das Bild im Wasser ist längst verblichen. „Du bist sein Rächer, Karl!“ ,sagt Helgard, „Geister und Gespenster bringe besser nicht ins Gespräch. Der Meuchelmörder wird ein entlaufener Mönch gewesen sein, Halbbruder oder Buhle eurer giftmischenden Sklavin, beileibe kein Däne, kein Wikinger! Du hast als Rächer Ruhm erworben, Teningur. Trage nun Sorge für Tores jungen Erben! Uns stehen Kriege bevor!“ Meine Schwester Helgard hat das Befehlen gut gelernt. Teningur geht zur Trauerfeier zurück. „Weine und schreie!“ ,empfiehlt mir Helgard, lässt mich dort hocken und geht dem Freigelassenen hinterher.

Ich habe von meiner Geistererscheinung niemandem erzählt. Grübelnd gehe ich bis zur Halle. Frodewin erwartet mich im Schatten der Torflügel. Das Feuer lodert. Mein Vater spricht noch immer, jetzt zu Tyra und dem trunkenen Tore Toresohn, genannt Tori. Tryggur Toresohn lehnt sich taumelnd an Teningur. Der führt ihn auf die dunklen Bänke zum Schlaf. Würde hat der gewonnen und wahrscheinlich auch Macht im Kreis der Männer, der ehemals Fremde. Er wird sie nutzen, um Jarl Tores Erbe zu sichern. Tryggur und sein Hof sind in guter Hut. Es wird mir leichter, zumal ich sehe, wie Blidka sich an Tryggurs Seite schleicht. Sie wurde von unserem Vater Tori Mittwinter zugedacht, aber nicht von ihrem Vater Frodewin, also gilt der Verspruch nichts. Jarl Frodewin tritt sein Erbe an, Rurik, der Alte, zieht mit meinen Ältesten nach Jelling und Tryggur Toresohn wird der junge Jarl auf meinem Hof.

Frodewin reißt mich aus meiner todmüden Gedankenstarre. Er trägt mich ins Heu, zu den Pferden. Reif fühle ich mich und warm wie ein Apfel im August. Frodewin ist ein wilder, willkommener Dieb. Abwechselnd sanft und hart pflückt er meine Früchte reichlich. Ich stöhne und schluchze, wie Helgard empfahl, bis ich schweige und horche. „Jetzt wirst du mein sein! Nie wieder lasse ich dich gehen! Keiner wird dich mehr berühren! Niemand dir mehr befehlen! Denn ich befehle nicht. Ich bitte dich: Sei meine Gefährtin und Frau…“ Und dann liegt er ganz matt und wartet. Ich bin leibessatt und gebe mich gesprächig. Ich stimme allem zu, bitte mir jedoch noch einen Sommer aus. Ich will das wahrscheinlich eben empfangene Kind als Tores Kind austragen. Ich will sehen dass Tores junger Erbe sicher den Jarlshof führt. Teningur wird ihm helfen. Seine zukünftige Braut Blidka ist für ihr Alter viel zu vernünftig. Ich will ihr helfen. Sie hat viel zu früh die Verantwortung für meines Vaters Hof getragen.

Jarl Rurik verbraucht rastlos Menschen, Schiffe und Pferde für seines Königs Ziele. Er folgt Blauzahn, überholt ihn und eilt so jeden Weg zweimal in dieser hochgestimmten Planung für das nordische Großreich. Wird er in diesem nicht Erster, so doch mindestens Zweiter sein. Rurik ist nicht so verschlagen wie Harald, nüchterner, vielleicht klüger, weil er seine eigenen Grenzen kennt. Rurik weiß wen er besiegen kann und wen er lieben muss, wem er vertrauen kann und wen er erschlagen muss Der Ladejarl, der ihm ein Auge stahl, zieht längst mit Odin. Meine geliebten Zwillinge ziehen mit Rurik. Er gibt keinen seiner Pläne auf.

Der Winterfeldzug mit Hakon wird stattfinden. Hakon und Rurik werden siegreich sein, hat Helgard geweissagt. Harald beißt sich in Süden fest bis zum Sommer. Otto wird ihn vielleicht wieder vertreiben, ihn vielleicht Tribut zahlen lassen.

Das Geheimnis der Schmiedefrau und des Schwertes bleibt zwischen uns gewahrt, Teningur, Helgard und mir. Die Schmiedin Walborg Wielandstochter bekommt im Sommer eine Tochter von Tore und im Jahr darauf einen Sohn von Teningur. Das ist kein Geheimnis, aber es will auch niemand wissen.

 

Copyright: © 2016 Xenia D. Cosmann
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