Wikingerfrauen - Teil 2

Das andere Geheimnis

Von Xenia D. Cosmann

 

Das andere Geheimnis gehört nicht Helgard, sondern mir, Alfrada, ihrer Halbschwester. Ich bin nur halb aus Ruriks Geschlecht. Das hat mir meine Mutter gesagt. Rurik hatte nach altem Brauch seine Base genommen. Die wurde Frodewins und Helgards Mutter. Darauf ging sie zu Hel. Für Helgards Aufzucht und Erziehung wählte Jarl Rurik meine Mutter. Der Jarl wählte sie vor allem für sich. Mir blieben nur Ziegenmilch und Frodewins Freundschaft. Und das Volk der Alfar, das mich erwählt hat. Außer mir sah es nur meine Mutter. Aber sie achtete seiner kaum, gab ihm nur spärliche Gaben. Meine herrische Mutter von der grünen Insel sprach mit denen vom kleinen Volk, nur, wenn es um mich ging. Sie wollte sie von mir fernhalten, obwohl ich ihrer freundlichen Gesellschaft bedurfte. Denn sie sagte, sie wolle mich nicht völlig verderben lassen. Verderben, vom Kleinen Volk?

Loki, halb Gott und halb Riese

Loki - Gott des Feuers, des Schabernacks, des Bösen, der Verwandlung, der List und dämonischer Trickster, halb Gott und halb Riese.
Er beeinflusst Helgards und Alfradas Leben entscheidend.

Frodewin hat mir damals erklärt, daß der vertraute Umgang mit den Kleinen mich den großen Göttern entfremden würde. Frodewin wußte selbst noch nicht, wie fremd uns diese großen Götter wirklich sind. Jetzt weiß er es. Und ich weiß es auch. Helgard hat es bitter erfahren müssen.

Ich hatte keine Spielgefährten unter den vielen Kindern des Weibsvolks und wenig Zucht. Frodewin achtete auf mich, bewahrte mich vor mancher Strafe, wenn meine Unkenntnis oder Ungeschicklichkeit den Haushalt durcheinanderbrachten. Frodewin dem Knaben gehorchten alle: Karle, Mägde und Knechte. Frodewin war der Erbe und mit elf Sommern schon ein Mann. Er handelte nach Jarl Ruriks Befehl, wenn er seinem Waffenmeister gehorchte, übte mit den andern wie ein Gleicher. Doch allzu oft, wenn ihm der Sinn nach Freiheit stand, folgte er dem Waffenmeister nicht. Leicht wurde ihm verziehen, dem lachenden Erben! Nachher, als er einsichtig und stark genug war, tat er pünktlichen Waffendienst wie jeder Karl. Es dauerte nicht viele Sommer, bis er seinen letzten, spielerischen Wettkampf verlor, danach siegte er nur noch. Ich war so stolz auf ihn! Ich bin auch jetzt stolz, wann immer seine Augen auf mir ruhen. Er ist mein Bruder, aber nur halb.

Ich nahm, damals an Helgards Lostag, als sie von Göttern und Menschen zur künftigen Völva erwählt wurde, auch nur halb wahr, daß meine und Frodewins innige Verbundenheit recht unbrüderlich war. Frodewins Hand in meinem Gewand in dieser längst vergangenen Sichelmondnacht habe ich bald vergessen. Sie hatte mich getröstet, nicht gerührt und aufgestört, oder?

Erst Lokis Brunst an jenem folgenden, hellen, heißen Tag, in meinem elften Sommer hatten meine Sinne entfacht und gefesselt. Lokis und Helgards Lust hatte mich zur Reife gehetzt und in brennende, unerfüllbare Sehnsucht gestürzt. Erst der Anblick des schönen, halbnackten, gefiederten Gottes, der meine Schwester packte, mit sich riß und stieß, ließ mich ahnen, was Frodewin wirklich damals hatte tun wollen. Ich war noch nicht bereit gewesen. Wußte er es?

Ich bekomme Gelegenheit ihn zu fragen im unzeitigen Schneesturm seiner Wiederkehr. Noch ist der Tag ein wenig länger als die Nacht, und schon schickt der Winterriese erste Grüße! Schaurig! Wider alle Gewohnheit heimgekehrter Beutefahrer trinkt Frodewin nicht bis in den Morgen. Er schleicht aus der Schwitzhütte direkt zu meinem Lager in der Kammer an der Giebelseite der Halle. Er ist nackt, schneenaß und schweigsam. Der zunehmende Mond beleuchtet zwischen zerfetzten Wolken zeitweise seine Haut und meine. Frodewin hält die Stange, mit der er die Grassode von der Dachluke weggestoßen hat noch in der rechten Hand, als er mit der linken meine Felle weg zieht. Feine Flocken prickeln flüchtig auf Brüsten und Bauch.

Frodewins Blick wandert die ganze Länge meines nackten Körpers hinab und wieder herauf. Dann läßt er sich herab, Hände, Unterarme, Brustkasten. Das dicke, goldene Kleinod, sein Geschenk an mich, drückt den Knochen zwischen meinen Brüsten. Seine Schwerthand teilt mühelos meine leicht geschlossenen Schenkel. Und er sticht zu, so sicher wie mit seinem Langschwert, so fest auch. Ich schreie nicht und ich stöhne nicht. Ich bin vor Lust ganz aufgelöst und leise. Und dann lehrt mich Frodewin küssen und dann lehrt er mich auf ihm zu reiten. Und dann legt er sich wieder auf mich, schiebt aber vorsichtig das schwere Gold hoch. Seine Hand streichelt meine Brustspitze. „Weißt du noch? Auch damals stand Sturm vor dem fast vollen Mond, nasser Schnee fiel! Lange haben wir gewartet. Nachtmond, Halbmond und Vollmond um Vollmond, Schneesturm und Schmelze… so lange…“ Flüstert Frodewin.

Zur Antwort hebe ich mich, soweit ich kann, ihm entgegen. Ein schwacher Versuch. Frodewin gräbt die Hände in mein gelöstes Haar, sein Mund saugt an meinem Hals, dann reißt er den Kopf hoch, schnappt nach Luft und beginnt das heftige Spiel von Schwert und Scheide von vorn. Er sagt leise: “Rühr‘ dich nicht!“ Ich kann mich gar nicht rühren!

Frodewin ist weg. Die Wintersonne scheint mir ins Gesicht. Spät ist es. Zu spät irgendetwas zu bedauern oder zu fürchten. Die Halle ist geöffnet. Manche Männer liegen noch auf den Bänken. Der Hof ist voller lebhafter Bewegung. Frodewin hat sich unter sie gemischt. Ich sehe sein blondes Haar glänzen. Wunna ruft mich: „Was soll ich mit dem Mädchen machen, daß der Junge sich mitgebracht hat? Sie versteht nichts und sagt kein Wort. Hilf mir!“

Ich folge Wunnas Aufforderung neugierig, und in mir nagt schon wieder eine Eifersucht. Kindisch! Ich laufe bis zum Webhaus. Es ist offen. Ein zierliches Mädchen, keine zwölf Sommer alt, spannt neue Fäden auf einen Webrahmen. Wunna schaut so verblüfft, daß ich sie gar nichts frage, sondern die weißhäutige, rothaarige Schönheit in der Sprache meiner Mutter anspreche. Und richtig! Die Worte sprudeln aus dem zartroten, geschwungenen Mund so schnell hervor, daß es mir schwerfällt den Inhalt zu erfassen. Sie wirft sich mir atemlos zu Füßen. Was soll das? Dann sehe ich den Sklavenring um ihren Hals. Noch hat der Jarl die Beute nicht verteilt. Ich kann ihr nicht versprechen, dass sie mir gehören wird. Sie bettelt darum mit Worten, Gebärden und Tränen. Ich sehe ihre junge Haut durch das zerrissene Gewand. Der dicke Umhang, der diese gestern verborgen hatte, liegt auf der hinteren Bank, wahrscheinlich ihrer Schlafstatt der letzten Nacht.

Hatte Wunna sie von den vielen Männern weggeführt? Nein, sagt Wunna, sie hätte die Kleine hinter dem Hochsitz im Schatten aufgescheucht und diese wär ihr entlaufen. Ich bedeute dem schmutzigen Kind sich zu waschen, führe es zum kalten Teich hinter der Schwitzhütte und reiche ihm dann den trockenen Kittel, den ich eigentlich für mich mitgenommen hatte. Die Sklavin ist schlank, nicht mager, hat kleine, weiche Rundungen, rosige Brustspitzen und ein dünnes Dreieck roten Kraushaars. Sie sieht fast so aus, wie ich vor drei Sommern noch aussah. Unter dem Sklavenring ist die milchweiße Haut rot gescheuert, verdeckt von entflochtenem, feuchtem Haar. Ihr kupferrotes Haupt ist nicht geschoren. Sie trägt also den lockeren Reif noch nicht lange! Die Zeichen darauf sind nicht unsere Runen. Wo hat Frodewin sie her?

Gesäubert und gegürtet sieht sie nicht wie eine elende Sklavin aus. Der Reif ist aus Silber. Sie war eines vornehmen Mannes Besitz. Ich beobachte ihre Hände und bloßen Füße, als sie in der Sonne am Webrahmen kauert: Keine Schwielen und Risse! Zwei unserer älteren Mägde unterbrechen ihre Arbeit und bestaunen das flinke, geschickte Sklavenmädchen. Falls Wunna sie nicht gefüttert hat, werden diese es tun. Ich kann mich um mich selbst kümmern und habe nun endlich den sonnenglänzenden Teich für mich. Ich habe ein wenig Blut abzuwaschen und im klaren Wasser kleine, süße Bisse zu kühlen.

Mein Bruder Frodewin zieht mich heraus. Kalt bin ich noch, kalt auch das versteckte, schneeverwehte Schilfnest. Bald wird es heiß. Der pudrige Schnee taut. Die Sonne wärmt nackte Haut, die Frodewin zum Schluß in einen Doppelpelz hüllt: außen schwarz und innen weiß, mit silbernen Schließen.

Am Abend in der Halle liegt das prächtige Geschenk locker um meine Schultern. Die Sklavin, das Geschenk für den Jarl, kniet in meinem hellen Kittel am Hochsitz, zunächst dem Feuer. Sie trägt noch immer das zu lange Haar, das den silbernen Ring verschleiert und schaut gierig. Gold wird verteilt, Silbergeld und glänzende Waffen werden durch die Reihen der Karle gereicht. Frodewin ist großzügig. Jarl Rurik beansprucht nichts, läßt sich aber beschenken: ein Langschwert in steingeschmückter Scheide, ein fratzengeziertes Rundschild und eine weißhäutige Jungfrau. Schwert, Scheide, Schild und Sklavin finden Jarl Ruriks milden Beifall. Leidenschaftlich leuchtet jedoch der Stolz auf Frodewin und die jungen Karle aus seinen Augen.

Sein Blick streift mich. Er stutzt. Warum? Ich greife nach dem vollen Krug der nahenden Magd, um selbst das silberbeschlagene Trinkhorn zu füllen. Met rinnt, meine Frage bleibt in der Schwebe, denn Jarl Rurik, mein Vater, schlingt die gelösten Strähnen seiner neuen Sklavin um sein linkes Handgelenk, sodaß das weiße Gesicht im Fackelschein zu mir emporleuchtet. Nebenan lehnt der Schild, in dessen glitzerndem Silberbuckel sich mein Gesicht spiegelt. Ich sehe meinem Vater in die Augen, in denen ein Lächeln funkelt. Ich lache auch und frage mich insgeheim: Was hat sich Frodewin wohl dabei gedacht? Der schweigt.

Auch in dieser Nacht läßt er mich zuerst kaum zu Wort kommen. Er packt mich unversehens und ungesehen und schleppt mich aus der Halle der Feiernden hinaus. Das Heu knistert unter meinem Pelz, Ruriks Pferde unter uns stampfen gelegentlich in der Unruhe des Sturms und nur Frodewin kann mein Stöhnen hören. „Was ist Dir?“

Und ich berichte ihm, was mich bewegt, Eifersucht und ein wenig Furcht. Ich muß alles aufgeben: meine Sippe, meinen Vater, meinen Buhlen, meine Regiment am Hof von Jarl Rurik: Am Herbstopferfest wird die Feier der Verbindung Frodewins und Blitgards sein. Gleichzeitig gibt mich Jarl Rurik in die Ehe mit Jarl Tore. Das hat mir unser Vater zugesagt, als ich ihn vor zwei Jahren nach dem Verspruch Frodewins und Blitgards auf dem Allthing darum gebeten hatte. Ich habe zwei Jahre seinen Jarlshof geleitet und werde keiner Frau mehr gehorchen! Die Verhandlungen liefen erfolgreich. Ich werde ein neues Leben beginnen in neuer Heimstatt.

„Denkst du, liebster Frodewin, ich will mit euch oder neben euch oder unter euch leben? Ich bin jetzt die Herrin hier. Ich werde Blitgard die Schlüsselgewalt übergeben und dann die Herrin Jarl Tores sein! Ich werde seine Halle, seine Felder und sein Vieh hüten.“

Ich sage Frodewin nicht, was ich Jarl Tore geschworen habe, damit er mich freudig nimmt: „Ich kann die Zukunft träumen Jarl: Ich werde dir, Tore, lebendige Söhne schenken! “ Jarl Tore hat viele fremde Frauen gehabt, die alle bei der Geburt seiner Kinder mit diesen starben. Nur Blitgard gedieh. Ihre Mutter, Tores Base, starb jedoch bald darauf bei der Geburt des erwarteten Erben und auch dieser starb. Der stattliche Tore hat Besseres verdient, als diesen Fluch! Zahlreiche Brüder, Halbbrüder, Vettern und deren kleine Bastarde bevölkern seinen Hof. Aber er hat keinen Leibes - Erben.

Töchter gebäre ich ihm natürlich auch, habe ich mir selbst stumm geschworen, um mein Versprechen an Helgard zu erfüllen. Loki wird Ruriks Sippe aus Hels Reich an Ragnarök zu sich rufen. Vorher muss diese leben und sich mehren. Was ich dazu tun kann, habe ich getan: Tore wird einen Erben und eine Erbin haben. Ich weiß es jetzt schon. Und nur das wird Tore zur rechten Zeit erfahren, denn Tore wird Zwillinge großziehen, Frodewins Zwillinge. Wahrscheinlich erfährt es Frodewin nie, vielleicht verkünde ich es meiner Schwester. Ich habe mich noch nicht entschieden.

„Wieviel Tage bleiben uns noch bis zur Tag- und Nachtgleiche?“ Fragt Frodewin mit ruhiger Stimme. Ich antworte mit enger Kehle: „Wenige Tage und noch weniger zweisame Stunden werden wir haben. Es wird ein großes Fest mit vielen Gästen. Bald! Die Jarle haben berittene Boten ausgesandt. Der Gode fährt herab von den nördlichen Inseln.“ Frodewin liegt stille. Ihm ist nicht mehr nach Küssen zumute.

Endlich sagt er, und es klingt wie Abschied auf längere Zeit: „Niemand wird es uns verwehren, daß wir einander gelegentlich sehen, wenn wir beide unser Geheimnis bewahren, Schwester. Tores schnelle Pferde sind bald deine Pferde. Meine Schiffe sind noch schneller. Meine Beutefahrten haben noch lange kein Ende. Odins Raben bekommen mich noch nicht so bald… Botenvögel! Ich werde dir treue Tauben schenken, vielleicht auch flinke Finken. Runen ritzen wirst du für mich!“ Frodewin erhebt sich, greift nach den Gewändern und steigt lautlos hinab.

Ich werde ihm in Träumen folgen, ihm Träume und Vögel senden und in flachen Wassern Gesichte sehen. In dieser Nacht schlafe ich nicht mehr. Für Helgard und die Völva habe ich schon meine Kammer geräumt. Ihr geheimnisvoll gezierter, vierrädriger Karren steht im Schatten der Halle. Die Völva wird den heiligen Hügel am Opferstein mit grünen Zweigen weihen. Meine Schwester wird morgen die Runen für mich werfen und mir wahrsagen. Ich hoffe, daß sie auch zu schweigen weiß. Ich wache an den Hügelgräbern der Ahnen. Odins Auge beobachtet mich von Norden her, der Karlswagen rollt am Himmelsrand. Die Nacht ist kalt und klar.

Drei Nächte muß ich wachen. Ich bin die eine Braut, die andere ist Blitgard. Sie wacht bei Tores Ahnen, ihren Altvorderen. Auch der Bräutigam muß wachen. Er sucht den Geist und das Schwert seiner Ahnen. Die Ahnen wachen über die Sippe. Man muß die Bräuche achten! Jarl Rurik wird seinem Erben Frodewin ein kostbares, altes Schwert suchen zum Schwertertausch mit Blitgard. Diese Braut wird es überschreiten an der Schwelle ihres neuen Hauses. Sie wird es für den Sohn aus Ruriks Geschlecht bewahren. Einer ihrer Onkel wird ein Schwert aus ihres Vaters reichem Besitz vor Blitgard hertragen, auf daß sie es dann Frodewin im Austausch gibt.

Ich aber wandere mit Helgard und der Völva zum schwarzen Schmied im Moor. Jarl Tore bekommt von mir ein Zauberschwert. Meine kundige Schwester wird das Schwert mit Gold und Zaubern bezahlen. Sie tut das für mich! Ich werde das Schwert selbst tragen. Tore wird es brauchen, um mich und meinen Sohn zu beschützen. Ich bekomme das Bronzeschwert seiner Ahnen für meinen Sohn. Tore kann das Schwert seiner Stammväter ohne Suche auf die Schwelle der Halle legen. Er nimmt die zweite Frau, aus zweiter Hand und mit ihr zwei, die in ihr sprießen. Das letztere wird er nie vermuten. Helgard verrät mein Geheimnis nicht. Die Bande in Ruriks Sippe werden neu und vielfältig verknüpft.

Im Morgenrot schlafe ich fest und traumlos bis ich schwatzhafte, weibliche Gesellschaft bekomme. Die werde ich jetzt tagelang nicht los! Obwohl die vielbeschäftigte Wunna die Mägde scheltend zur Arbeit ruft, ist irgendeine immer in meiner Nähe. Ich muß mir Zeit für Helgard stehlen. Vor dem Wall unter der Donar Eiche am Opferstein setzen wir uns auf den Festplatz zu Füßen des heiligen Hügels. Vom Moor her wehen Wollgrasflocken wie Schnee.

Helgard wirft die heiligen Knochen, drei Würfe für die Namens - Rune, Partner - Rune, Schicksals - Rune. Die Rune Isa für Rurik und Tore, seltsam, die gleichen für beide Jarle! Helgard murmelt für mich: „ Isa ist die Rune des Zusammenhaltens. Die Kraft ist auf Ruhe gerichtet. Du kannst dich auf Tores Belastbarkeit und Ausdauer auch in schlechten Zeiten verlassen.“ Ich warte gespannt. Die Rune für meinen Namen ist die glückverheißende Wunjo, die Vereinigung von Liebenden, Freundschaft und Frieden vorhersagt und Eintracht zu gutem Ende. Wie das? Helgard ist verwirrt. Sie weiß, daß kühle Kalkulation meine Ehe stiftet.

Ich beschließe endgültig Helgard mein Geheimnis anzuvertrauen, einen Teil wenigstens. Vorher warte ich noch die anderen beiden Würfe ab: Ehwaz für Tore und mich! Diese Partner - Rune verspricht Bewegung, harmonisches Zusammenarbeit wie zwischen Pferd und Reiter bis zum gemeinsamen Ziel. Wenn Laguz dabei läge, gäbe es die Liebe dazu. Ich kann nicht alles haben! Die Schicksals - Rune fäll zuletzt: Naudiz. Das ist die Feuer Rune, die Rune Lokis und die Rune der Nornen! Helgard runzelt die Brauen beim Sprechen: „Naudiz symbolisiert dein Streben, alles selbst zu erreichen. Du willst durch eigenes Tun der Nornen Muster verändern. Du brauchst die Kraft des Widerstandes, die aus Not entsteht. Du mußt sorgsam prüfen, was eigentlich notwendig ist und was du wirklich willst! Es gibt falsche Wünsche!“

Helgard schaut mich an. „Ich weiß“, antworte ich ihr, „Loki wollte ich einst mit aller Kraft.“ Helgard lächelt belustigt. Wir wissen nun beide, daß man von Göttern nichts wünschen kann. Ich gestehe zögernd meiner weisen Schwester, daß ich nicht wisse, was ich wirklich wünsche, weil mein eigenes Tun meinen Lebensweg bereits verschlungen gestaltet hat. Helgard hört geduldig zu, sie mahnt nicht und verspricht nichts.

Meine Schwester bittet mich, ihre Mädchen nicht aus meiner Hut zu entlassen, sie mit auf Tores Hof zu nehmen. Das wolle ich auch, sage ich ihr. Jetzt haben wir beide ein Unterpfand unsrer gegenseitigen Treue: Ich pflege ihre Zwillinge und sie bewahrt das Geheimnis meiner Liebschaft. Von meinen Zwillingen reden wir noch nicht. Helgard will hoffen, daß auf ihrer Liebschaft mit Loki nicht allein das Bündnis unserer Sippe mit dem Halbgott ruht.

In dieser Nacht schickt mir Loki wieder einen Wahrtraum: Die jüngsten Bastardbrüder Jarl Tores, Toralf und Torleif sind jetzt gerade halb so hoch wie Tore. In meinem Zukunftstraum werden sie am Feuer der Mittsommernacht zu vielversprechenden Kriegern geweiht. Jarl Tore sendet die beiden um neues Land in den Norden. Und er schickt eine starke Mannschaft, Mägde und Sklaven mit seinen Brüdern. Klug gedacht. Die starken Karle werden kämpferische Landnehmer sein. Auf meinen Rat hin gibt Tore ihnen Helgards rote Zwillinge bei. Die werden im neuen Land Toralfs und Torleifs begehrte Bräute, obwohl niemand weiß, wer sie gebar oder zeugte. So wird es sein. So sagt mein Traum. So sage ich es am nächsten Morgen Helgard, die darauf in glatten Moortümpeln nach der Zukunft ihrer Kinder forschen kann, wenn sie will.

Meine Halbschwester erfährt von mir nicht alles. Ich bewahre ein Traumgeheimnis: Die Jungfrauen sind beim Brautzug keine mehr, weil Loki sie schwängern wird, beide in der Mitsommerhitze vor ihrer Hochzeit. Die eine schlummert knapp, da drückt er schon die andere ins Heu. Loki, der Flammenzüngige, kommt eben doch dreimal! Ein fuchsspitzes Lächeln wirft er mir in diesem Traum zu, als er sich in den Mann verwandelt wie einst, schimmernd und schweigend. Im diesem Traum verschließe ich Augen und Ohren nicht, genieße die wilden Bilder, denn Loki will meine Blicke. Ich soll der Sippe bezeugen, daß sie Loki dem Listigen Nachkommen geben wird.

Für diese Zeugenschaft schuldet mir der Gott etwas! Ich werde Tatzeugin und Täterin sein. Ich will noch andere Schicksalsfäden zu einem Band zusammenflechten, das eine lange Spanne überdauern soll. Ruriks Sippe soll wachsen. Ich werde ihr auch Zwillinge gebären. Weiter reicht meine Seherkunst nicht.

Ich sehe meinen liebsten Buhlen mit seiner Braut Blitgard im Scheine der Hochzeitsfackeln. Die brennen hell wie meine Eifersucht. Der Gode schwenkt den Tannenstrauß mit dem Blut der geweihten Opfertiere in der Form von Thors Hammer, einmal kurz abwärts und dann in weitem seitlichen Querschlag so, daß er alles mit roten Tropfen benetzt: bekränzte Häupter, bestickte Festkleidung, goldene Armringe und die silbernen Hämmer im Schoß der Bräute. Auf meinen goldenen Thorshammer unter dem Brautgewand sickert auch ein Tropfen. Jeder muß den Göttern opfern.

Es ist wie es sein soll! Nur, daß nach dem Brautbier nicht Frodewin mich über Schwert und Schwelle hebt, sondern der mächtige Tore. Jarl Tore hat mich wie ein Jüngling auf seinem starkknochigen, hohen Hengst zu seinem Hof entführt. Ohne Zeugen nimmt er mir den Brautkranz ab und legt mich geschwinde ins Brautbett. Er merkt nicht einmal, daß ich keine Jungfrau mehr bin. Er freut er sich seiner Eroberung, als er mich seufzen und lechzen hört. Sanft ist er der Tore, ein rechter Genießer. Daß ich gut gewählt habe, weiß ich nun noch besser. Tore geht pfleglich mit seinem Gut um.

Ich begutachte im hellen Lichte das große, weit landeinwärts gelegene Gehöft zusammen mit der drallen, etwas liebdienerischen aber kenntnisreichen Großmagd Selja. Die schweren Schlüssel klirren an meine silberne Gürtelschnalle, als ich mit Tore um die fetten, umgebrochenen Felder reite. Er hat mir ein falbes Pferd als Morgengabe gegeben und mich in einen Bärenpelz gehüllt. Der ist viel zu warm und ich lasse es zu, daß Tore voll besitzergreifenden Stolzes mit meinem noch immer mädchenhaft offenen Haar über dem gestickten Hemd spielt, als er mir seinen größten Reichtum, seine Pferdezucht zeigt. Fruchtbare, weite Weiden brauchen diese. Meines Vaters Vieh weidete auf kargen Klippen hoch über der schäumenden See. Jarl Tores Besitz hat keinen Seehafen, seine Boote liegen am glitzernden Fluß. Schön, mein neues Heim! Ich schaue mich um, lausche und Tore erklärt. Gemächlich trotten die Pferde zurück.

Dann endlich höre ich die von fern heran kommenden Gäste. Das Fest geht weiter. Die Männer hatten meine Mitgift gebracht, Vieh, Gold und Mägde. Unter ihnen sehe ich Helgard und ihre Kleinen. Sie führt mir die neue Sklavin zu. Jarl Rurik gäbe sie mir, richtet mir meine Schwester aus, weil Blitgard erzürne, daß diese allzu deutlich ein Auge auf Frodewin geworfen habe. Ich bin leicht belustigt. Auch die selbstsichere, stattliche Blitgard ist also eifersüchtig. Helgard lacht mit mir. Ich bin froh, daß ich mit meiner Schwester Erfahrungen und Erwartungen teilen kann.

Das Wichtigste für mich aber ist, daß sie, die zukünftige Völva mir endlich zusammen mit meinen Vertrauten Gara und Gaska vor vielen Zeugen den weißen Frauenschleier aufsteckt! Tore reichte mir mit stolzer Gebärde sein Trinkhorn. Die vielen Trinksprüche in der Halle sind mir nicht so gut im Gedächtnis geblieben, wie seine Aufforderung: „Wir trinken auf das Wohl unserer Sippe, Frau!“ Tore bittet nicht um der Götter Segen. Ich stehe neben ihm am Hochsitz und spreche den einfachen Segen: „Asaheill! Auf gute Ernte und Frieden! Wir weihen diesen Met unserer Sippe, den Ahnen, denen die sind und denen, die kommen werden, trinkt mit Andacht! Asaheill!“ Das Horn geht feierlich herum. Die Nächste, die trinkt ist Helgard, mit Andacht!

Bald aber wird es sehr ausgelassen. Die Karle trinken, spielen und prahlen. Die Mägde und Sklaven arbeiten nur das Notwendige, denn die Ernte ist eingefahren, die Opfer gebracht. Alle vergnügen sich. Wenn die letzten Sonnentage den Nebeln weichen, wird mit Jagen und Schlachten des Winters Arbeit beginnen. Es ist die rechte Feierzeit. Tore zecht mit seinen Vettern.

Ich gehe in die Milchkammer, um mir eine Schale von Selja füllen zu lassen. Ich tue es dann doch lieber selbst. Im roten Schein der Sonne glaube ich meine Freunde aus dem Geschlecht der Alfen zu sehen. Sie sind mir gefolgt! Ich gebe zur Milch Brot und süße Früchte, wie sie es von mir gewohnt sind. Ich höre leises Gekicher, sehe schattenhaft huschende Gestalten und eine grobe Hand. Selja greift nach meiner gefüllten Tonschale. „Diese Gabe rührt niemand an! Niemals!“ Sage ich sehr leise und deutlich, „Jedenfalls kein Mensch!“ Die dralle Magd springt erschrocken zurück.

Auf dem flachen Stein an der Westwand der Kammer steht von nun an die Opferspeise für das Kleine Volk. Im Winter wird das überhängende Rieddach den Gabenstein und eine Garbe für die Vögel schützen. Als der helle Stern, den Helgard Lokis Brand nennt, am südlichen Herbsthimmel erscheint, kann ich von der offenen Halle aus meine kleinen Getreuen vorsichtig heranschleichen sehen, denn die lange Nacht ist lebendig. Tore ist noch ziemlich munter, sucht meine Gesellschaft, er aber er sieht sie nicht, die vom Kleinen Volk! „Komm zu Bette!“ Fordere ich meinen riesigen Gemahl auf. Er brummt vergnügt und folgt mir.

Es kommt, wie ich es mit Zuversicht erwartet habe. Ich lebe mich auf Tores Hof ein, nehme die Zügel fest in die Hand. Selja gibt es auf, mir lügnerisch zu schmeicheln und die Arbeit der Knaben und Mägde sinnlos zu schmähen. Ich verteile die Aufgaben, Strafen und Gaben. Bei den ersten, heimlichen Anzeichen von Beschwernissen meiner Schwangerschaft befehle ich die neue Sklavin in Tores Bett. Sie gehorcht freudig. Ich kann ausgeruht und achtsam an mein mannigfaltiges Tagwerk gehen. Ich lerne schnell, denn ich muß!

Es ist anders, als in Hörweite des raunenden oder brüllenden Meeres meiner Kindheit zu leben. Der kleine Fluß, der sich in stillen Moorseen verliert, entschädigt mich mit sanften Klängen und reichen Fischgründen. Tore verrät mir, daß er durch Flüsse und Seen ein bequemes, nur ihm und seinen vertrautesten Karlen bekanntes Wegenetz durch Moor und Wald geschaffen hat. Im Winter gefriert es zu einer geheimen, festen Straße, auf der er seine Pferde fast bis zum Handelsplatz Haithabu führen kann.

Bevor es gänzlich Winter wird, lasse ich für meine Schafe und Rinder trockenes Weideland suchen und solide Pferche bauen. Die Weiden am Fluß sind zu feucht. Ich setze Spinnerinnen und Weberinnen in eine neue Hütte neben dem Backhaus. Es gibt bei uns weniger Frauen als bei Jarl Rurik. Viel Frauenarbeit wird von Knaben erledigt. Es sind meist Freigelassene, wenige Sklaven. Tore verlangt von seinen Karlen, daß sie so viel von der Arbeit verstehen wie die Freigelassenen oder Sklaven, die sie beaufsichtigen und anleiten. Von sich selbst verlangt er nicht weniger. Mich aber lobt er leise ob meines Tuns.

Das ist der Unterschied: Jarl Ruriks erste Sorge gilt dem König und der Kriegführung. Jarl Tores erste Sorge gilt seinen Hof, seinem Land und der Abwehr von Feinden. Beide haben sich nun aus verschiedenen Gründen zusammengeschlossen und wehrhafte Genossen um sich gesammelt. Harald Blauzahn hat die alten Götter verraten. Deshalb schließen viele Jarle neue Bündnisse mit Altgesinnten. Harald zahlt Tribut an die Franken. Aber er herrscht als König in unseren Landen. Mein Vater, Jarl Rurik, hält zu ihm, rüstet auf und schmiedet Zukunftspläne. Mein Gatte, Jarl Tore, schwört seine Karle neu ein: Auf sich selbst, auf Rurik und auf Harald.

Außerdem müssen Tores Männer nun alle Wachdienst tun, die Wälle in Stand halten und sich täglich an den Waffen üben, auch die Freigelassenen. Jarl Tore hat einen eigenen Schmied, der Nägel, Pfeil- und Speerspitzen macht, Waffen und Werkzeug pflegt und Pferde beschlägt. Schwerter und Streitäxte aber erwirbt er durch Handel aus Haithabu oder vom schwarzen Schmied im Moor, wie mein Vater auch. Beide wissen schwierige Pfade durch das gefährliche Moor. Helgard wies sie im Sommer auch mir. Ich habe durch Helgard Wissen erworben, das sonst kaum eine Frau hat.

Ehe ich mich versehe, kommt ernsthaft der Schnee und mit ihm das erste Scharmützel an den Wällen. Sie kommen von Nordosten, die Plünderer. Der Wald wird auch gefährlich. Tores Karle werden bei der Eberjagd überfallen. Es ist gut, daß Helgard noch immer unser Gast ist. Sie pflegt die Verwundeten. Sie steht der kränkelnden, schwangeren Sklavin bei und lehrt mich viele ihrer Weisheiten, die für eine werdende Mutter wichtig werden können. Sie scherzt: „Du wirst nie alles wissen über die Heilkräfte der Pflanzen, nie auslernen… ich auch nicht.“ Ich höre einen vom Kleinen Volk lachen. Seit es so kalt ist, sehe ich sie oft in der Nähe der warmen Ställe. Im Sommer kann ich vielleicht auch von ihren Künsten ein wenig erwerben.

Tore reitet zu Frodewin, denn es gilt die Gegenwehr abzusprechen. Die Angriffe über das Eis sind heftig und blitzschnell. Die Räubersippen müssen in der Nähe einen Unterschlupf haben. Es gilt die Landlosen endgültig zu vertreiben. Der dauernde Streit von König Harald, mit Hakon und Erik hoch im Norden und den widerspenstigen Jarlen im Süden hat viele kampfgewohnte junge Männer sitten- und sippenlos gemacht. Keine Sippe erträgt feige Räuber, ehrlose Mörder, die nicht Gehorsam noch Ehre kennen. Sie werden ausgestoßen, sterben einsam und früh.

Als Tore von Frodewin wiederkommt, bringt er Botenvögel mit, Tauben und Finken. Er wundert sich, daß ich lächle, denn er nähme die Gefahr, die durch die landlosen Räuberbanden drohe, sehr ernst, bedeutet er mir grimmig. „Ich bin guter Hoffnung!“ Sage ich zu meiner Verteidigung. Da lächelt auch der gewaltige Jarl Tore. „Blitgard ebenso!“

Meine Eifersucht ist zu einem winzigen Stück glühender Holzkohle zusammen geschnurrt. Ich bin so froh, daß die kundige Völva Winterquartier in Jarl Ruriks Hof bezogen hat. Blitgard wird, wie alle Frauen aus Tores Geschlecht, in den ersten Wochen krank sein. Es wird die Gefahr bestehen, daß sie das Kind nicht austragen kann. Sie wird sich mit dem Gebären schwer tun. Ich wünsche auf die fröhlichen Frau wirklich allen Segen Freyas herab! „Loki“, flüstere ich zum Sternenhimmel, „du bist mir etwas schuldig, laß Blitgard leben!“ Ich ritze Segens - Runen und Binde - Runen in Rüsterrinde und sende sie mit einer seiner Waldtauben an Frodewin. Er mag selbst entscheiden, ob er sie für Blitgard sprechen und deuten will. Ich entscheide, nicht zu Frodewin über seine zu erwartenden Nachkommen zu sprechen.

Abends warte ich geduldig, bis einer der Alfar mir zuhören mag. Sie sind wie die Natur selbst, scheu, undurchschaubar und mächtig. „Helft mir und Blitgard leicht zu gebären!“ Bitte ich sie am Stein, den ich jetzt Alfenstein nenne. Sie heben ihre kleinen Hände segnend in die Höhe meines Leibes: „Wir dienen nur dir…“ Den Rest des leisen Singsangs verstehe ich nicht. Warum haben sie mich ausgewählt? Warum segnen sie mich allein von Ruriks Sippe? Sie sind nicht viel besser zu begreifen als die Götter, meine Wächter, die Wichte. Irgendeine Macht hat uns beide beschützt: Wir gebären leicht gesunde Kinder. Blitgard hat der Sippe eine Tochter geschenkt, ich auch – aber das bleibt geheim – und Tore hat einen Erben.

 

Copyright: © 2016 Xenia D. Cosmann
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Zur Website der Autorin: www.xenia-cosmann.de

 

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