Wikingerfrauen - Teil 1

Helgards Geheimnis

Von Xenia D. Cosmann

 

Im Jahr 934 besiegt der ostfränkisch-sächsische König Heinrich I. die Dänen unter König Knut I. in der „Schlacht von Haithabu“ und eroberte die Stadt. Damit fällt das Gebiet zwischen der Eider und der Schlei an das Ostfränkische bzw. Römisch-Deutsche Reich. Das lokale skandinavische Herrschergeschlecht bleibt aber noch eine Generation im Amt.

936 oder 958 wird Harald I. „Blauzahn“ Gormson König von Dänemark und von Norwegen.

948 erkennt er die deutsche Hoheit an.

950 entstehen die Bistümer Aarhus, Ripen, Schleswig, Harald kämpft mit Hakon von Norwegen.

 

Helgards Geheimnis beginnt zwischen 957 und 958.
Helgard ist 12 Jahre alt, die Erzählerin Alfrada etwa 11 und Frodewin 15 Jahre alt. Um 970 ist Helgard die Völva, Groa und auch Spakona für Harald.

 

959 Haralds Rebellion gegen das Reich scheitert.

960 Harald wird am Poppostein getauft, eint Dänemark und erweitert es gen Süden und Norden.

961 Besetzung Süd-Norwegens (Feindschaft mit den Ladejarlen, sp. Vasallen).

962 Otto I. wird Herrscher des Fränkischen (Deutschen) Reiches.

974 Harald rebelliert erneut gegen das Reich.

983 unterstützte Harald den großen Slawenaufstand im Reich.(Stoppt die Christianisierung für etwa 100 Jahre)

986 Sven I. „Gabelbart“ Haraldson wird König von Dänemark und Norwegen.

986 oder 987 stirbt Harald im Exil in Jomsburg.

 

Jarl Rurik stirbt. Helgard und Alfrada sind 43, Frodewin ist 47 Jahre alt. Frodewin schließt sich als Jarl König Sven an, seine Söhne gehen auf Wikingerfahrt.

 

991 Kämpfe mit Erik Segersäll von Schweden.

994 Sven Gabelbart und Olav Tryggvason (König von Norwegen) starten Wikingerangriffe auf London.

1000 Sven herrscht wieder in Norwegen und unternimmt verheerende Raubzüge in England.

1013 Sven wird König in England bis zu seinem Tod 1014.

 


 

Meine Schwester Helgard braucht keinen Gatten und kein Haus, nicht einmal für ihre Brut. Sie hat es mir am Totenbett meiner Mutter offenbart, wie nebenbei: „Ich werde niemals brauchen, was sie mich lehrte!“ Denn Helgards tatsächliche Aufmerksamkeit gilt einer mir nicht wahrnehmbaren Gestalt. Es bleibt ihr Geheimnis, mit wem sie spricht. Meine Schwester hebt ihre Augen zum halben Mond über der offenen Tür und verschließt ihre Ohren mit den Daumen. Das tut sie seit ich denken kann, wenn Götter sie heimsuchen. Sie ist mit dem zweiten Gesicht geboren worden. Helgard beherrscht ihre Furcht vor den Göttern und verbirgt ihre Gabe vor den Menschen, nur nicht vor mir.

Die Völva

Eine Völva mit ihrem charaktaristischem Stab.
Bildquelle: heartglow.org

Mich kann sie nicht täuschen, denn auch ich habe Sehergaben. Diese achtet Helgard so gering wie mich, ihre Halbschwester. Sie bittet mich nicht einmal um Verschwiegenheit. Es lohnt nicht. Das sollte mich erzürnen. Tut es aber nicht. Meine Mutter ist in dieser Nacht gestorben. Ich bin seitdem blind, gelähmt, stumm und taub.

Nun muß Helgard am Hof meine Mutter ersetzen. Sie wird voraussichtlich die nachfolgende Herrin. Meine Schwester ist die Tochter der ersten Frau des Jarls Rurik, meines Vaters. Sie verfügt schon jetzt mit ihren zwölf Wintern über alle Fertigkeiten und Tugenden für die Haushaltung eines großen Hofes. Meine Mutter hat sie gut unterrichtet, besser als mich, ihre eigene Tochter. Helgard wird dereinst so klug und schön werden, wie ihre Mutter gewesen sein soll, ein Abbild Freyas. Weiß und gerade ragt Helgards Gestalt über alle Mägde. Ihr blonder Zopf hängt lang über den Gürtel hinaus. Ihre Füße tragen sie fast schwebend über die Ebene unserer Felder. Ihre klangvolle Stimme bezaubert Karle und Knechte. Jarl und Erbe setzten ein hohes Maß an Vertrauen in sie.

Helgards um vier Winter älterer, schwerttragender Bruder Frodewin ist der Erbe. Er ist mein Vertrauter und Freund, steht mir näher als Mutter, Schwester und Vater. Denn er kennt meine Geheimnisse. Wir sitzen am Rande des neuen Grabhügels nahe den Ahnengräbern. Eine schmale Sichel erhellt den kleinen Fleck Himmel über uns, der nicht von Baumkronen oder Wolken verdeckt wird. Sie wird sich nicht so bald zum ersten Frühlingsvollmond runden. Endlich erlösen mich Tränen aus meiner Starre. Frodewin trocknet die Tränen meiner Trauer und Eifersucht. Er hält mich sacht und spricht leise: „Sei nicht mehr traurig, Alfrada. Heute will ich dir mein Geheimnis anvertrauen. Hier, wo wir sitzen, hat Helgard, sechs Winter jung, mir meine Träume gedeutet und von meiner Zukunft gekündet. Jetzt ist dieses kleine Mädchen Jungfrau. Die Völva, die mit Göttern und Ahnen spricht, wird sie beanspruchen. Du wirst einzige Tochter sein, ich einziger Sohn. Meines Vaters Bastarde, Karle und Sklaven werden zu dir und mir aufsehen!“

Das bringt mich zum Lachen. Zu mir sieht niemand auf! Ich bin von elbischer Gestalt, schattenhaft blaß, zäh und zart. Mein rostrotes Haar springt in Locken um meine Schultern, verhängt meinen scharfen Blick. Ich befehle nicht wie Helgard, ich bitte leise. Tiere folgen mir lieber als Menschen. Mägde treiben mit mir Spott, Männer übersehen mich. Obwohl ich nur einen Mondumlauf nach Helgard geboren wurde, heiße ich die Kleine. Meine Gestalt und mein Geheimnis habe ich meiner Mutter zu verdanken: Ich sehe das kleine Volk. Es hilft mir, neckt mich und tröstet mich mit seiner bloßen Anwesenheit. Nur Frodewin hat das erfahren. Es hat mich zu seiner Freundin gemacht. Froh sollte ich sein.

Frodewin glättet mein Haar, nennt es schön. Mein Halbbruder tröstet mich, wie man kleine Mädchen tröstet, streicht an meinem aufgelösten Zopf hinunter. Doch seine waffenharte Rechte verschiebt mein warmes Wollgewand. Hornhaut reibt meine kleine Brustspitze, seine Linke drückt meine tränenfeuchte Wange an seine breite Brust. Er brummt beruhigende, sinnlose Worte. Aber auch er weiß nicht, wer fürderhin Herrin des Hauses sein wird. Unser Vater, Jarl Rurik, wird bestimmen und es uns mitteilen lassen. Ich beruhige mich. Frodewin hängt seinen eigenen Träumen nach. Donner, Blitze und Regen scheuchen uns in die große Halle. Sie ist voller schweigender Männer. Haben wir einen Ruf überhört? Ich erschrecke und Frodewin eilt zum Hochsitz. Sturm schlägt hinter mir die niedrige Seitenpforte zu.

„Das ist mein Erbe!“ Der Jarl sprich nicht zu den Bänken, er hat den Kopf gesenkt. Die kleine Alte ist seiner und aller Ehren wert. Es ist die Völva! Sie verkündet die Hoffnungen und Folgen unserer Handlungen. Frodewins Geheimnis ist keines mehr. Die pfeilgerade aufgerichtete Frau im grauen Reisegewand wird von ihrem hohen Stab überragt. „Höre, Erbe, ich verlange deine Schwester Helgard!“ ,spricht sie zwischen zwei Blitzen und Donnergetöse. Jeder vernimmt es, auch ich. Frodewin nickt. Er ist blaß. Die Götter tun ihren Willen kund.

Helgard kniet vor dem Jarl, tief zur Erde gebeugt. Ihr nach der Sitte noch in Trauer gelöstes Haar liegt wie geschnittene Gerste auf der Erde. Er neigt sich und ergreift Helgards bloßen, weißen Nacken. Dunkel und breit liegt der beringte Daumen an Helgards hellem Haaransatz. Wie auf dem Hals eines weißen Opferpferdes, denke ich bedrückt. Dann rüttelt mich der Stolz in Vaters Stimme auf: „Diene nun ihr, meine Tochter, weil du nicht besser der Sippe dienen kannst! Trage mit Würde diese Bürde!“

Ein ohrenbetäubender Donnerschlag folgt einem blendenden Blitz. Eine Bö schlägt beide Torflügel krachend gegen die Wand. Draußen lodern Flammen wie vom Opferfeuer. Das Feuer in der Halle lodert mit. Frodewin springt hinaus ins Gewitter. Der doppelte Götterpfahl am Opferplatz raucht in einem Regenmantel, welcher das Himmelsfeuer löscht. Frodewin erstickt mit seinem Umhang die letzte goldrote Glut. Brand, Rauch und Regen hatten dem eichenen Doppelpfahl das Aussehen eines geschmückten Brautpaares gegeben. Ein Zeichen! Für wen? Nun droht der Pfahl schwarz und regenfeucht gegen die Wolken. Frodewins blauer Umhang fällt auf den nassen Boden, noch dichtere Schauer verhängen bald jede Sicht.

Am Abend weiß ich immer noch nicht, wer fürderhin Jarl Ruriks Hofhaltung führen wird. Für Helgard und die Völva hat man eine kleine Kammer an der Giebelseite der großen Halle geräumt. Meine Schwester ist für mich unerreichbar. Nun braucht sie, da sie Spakona, Späherin, wahrscheinlich Nachfolgerin der Völva wird, wirklich nie wieder ein Haus für sich. Sie wird der Sippe, dem Jarl und dem neuen König Harald Gormsohn mit Künden, Erkunden und Weissagen dienen. Helgard wird lernen und im Lande umher ziehen mit der Völva. Beide werden wissen, wo weise Frauen gebraucht werden. Ich fürchte, ich bekomme eine neue Herrin, denn ich halte mich selbst für zu unerfahren, um den Jarlshof zu verwalten.

Der Mond beleuchtet klaren Himmel. Ich suche Ruhe im Freien. Ich finde Frodewin. Er sieht so trist aus, wie sein nasser, blauer Mantel in der Pfütze am Opferplatz. Frodewin zieht mich in den Schatten am Brunnen und flüstert wieder Geheimnisse. Der Jarl will ihn vermählen. Seine Braut wird Blitgard, die frohe Hüterin. Sie ist die einzige Tochter, ja das einziges Kind des benachbarten Jarl Tore. Diese Verbindung wird unserer Sippe viele Verbündete bringen. Das ist kein Grund mißgelaunt zu sein. Ich wage jedoch nicht, Frodewin zu widersprechen. Er will nicht heiraten, er will auf große Fahrt, will Ruhm und Gold erwerben. So tröste ich ihn, wie man die jungen Männer tröstet: „ Wart’s doch ab, verlobt ist nicht verheiratet. Vater braucht Verbündete, der junge König, Harald Gormson von Jelling, braucht Unterstützung. Er wird mit ihm ziehen. Gezänk um die Zukunft wirst du auf dem nächsten Thing genug hören. Fehde und Hader liegen in der Luft. Du wirst bald zu Ruhm kommen. Viele Jarle werden des Königs Ruf folgen! Blauzahn nennen sie ihn, nach seinem blitzenden Stahl. Du mußt nicht nur lernen, wie man das Langschwert schwingt, sondern auch wann und warum. Das weißt du doch, Bruder!“ Frodewin stimmt mir zögernd zu: „Vielleicht kann ich auf Fahrt gehen, wenn Vater seiner Bündnisse sicher ist…“ Frodewin teilt mit mir sein Wissen und seine Mutmaßungen über das gegenwärtige Gerede der Karle von kommenden Kämpfen. Ich höre ihm nach einer Weile nur noch halb zu. Ich bin gefangen im Schauen:

Hinter Frodewin klafft ein Spalt in der Welt! Ein Teil der steinernen Brunnenfassung und der Blick auf die Sterne darüber sind verschwunden. Nebelschleier öffnen sich mannshoch. Irings Weg? Der Weg der Götter? Vom steinernen Fuß unseres Brunnens führen silberne Stufen in die Tiefe. Kühler Atem umweht meine Wangen. Er quillt aus dem Riss im Gewebe der Wirklichkeit. Nebel wabern links und rechts. Klar erscheint nur die von hoch oben aus Nebel und Wolken kommende Stufenfolge. Sie endet an einem Abgrund. Wasser rinnt unter den Stufen hervor, tropft im dünnen Rinnsal hinab. Ich sehe es, aber höre die Tropfen nicht fallen. Im Abgrund leuchtet der Nebel nicht grau oder mondblau, sondern golden. Er beleuchtet jenseits riesige, sich in leuchtender Tiefe verlierende Wurzeln, nur zwei. Der mächtige Stamm darüber wird dicht in Wolken verborgen, aber zwischen ihnen breiten sich Farne, goldgrün, wie im Maienlicht über Gras und Moos. Mich ergreift Furcht.

Frodewin reibt sich den Nacken. Er fühlt die Kühle. Er dreht sich um und sieht nichts außer Nachtdunkel. Er erhebt sich aus der kauernden Stellung und fragt leise: „Alfrada, siehst du Gespenstiges?“ Frodewin ist waffenlos. Sein kurzes Messer steckt im Grund neben der Grasnarbe. Ich gebe ihm einen richtungsweisenden Schubs. Er geht folgsam zum Haupthaus. In seinem Rücken klafft der offene goldene Schlund. Er kann ihn nicht sehen, nur ich. Das heißt aber nicht, daß er für ihn nicht gefährlich wäre. Er dreht sich nicht nach mir um. Kein Wort weiter fällt zwischen uns. Ich folge ihm und wende mich halb rückwärts.

Helgard kommt den steilen Pfad vom Meer herauf, eilt direkt auf den flimmernden Riss zu. Ich sehe ihr gerstenblondes Haar im goldenen Nebel wirbeln, als sie, wie herbeigerufen, die schimmernden Stufen hinunter rennt. Helgard ist nackt. Hat sie im Meer gebadet? Gehört das zu den Riten, die sie in ihren neuen Pflichtenkreis einführen? Vielleicht. Daß sie die Anderswelt verschluckt, wie meine Mutter ihr Verschwinden nennen würde, das wird gewiß nicht jeder Seherin auferlegt. Helgard erwartet ein ganz ungewöhnliches Los!

Sie ist fort. Lautlos rücken alle Gegenstände wieder an ihren Platz, stoffliche und unstoffliche. Frodewin sagt wieder zuversichtlich: „Ich werde wachen!“ Und schreitet weit aus. Er will den Wächter am Meerestor ablösen, denn es ist Zeit. Ich weiß, was er will, aber nicht, was er gesehen hat. Wir sprechen nicht mehr über diese Nacht. Wir haben keine heimliche Zeit mehr füreinander.

In der Halle behandelt mich mein Bruder mit großer Ehrerbietung. Der Jarl übergibt mir nämlich feierlich die Schlüsselgewalt. Das heißt, dass ich ernsthaft lernen muss, was mir zur Führung einer großen Wirtschaft fehlt. Die erfahrene Großmagd Wunna leitet mich geduldig und unauffällig. Ich lerne freudiger bei Wunna als bei meiner Mutter. Meine Erfolge stärken mich. Meine Eifersucht auf Helgard erkenne ich als kindliche Torheit. Ich hätte es meiner großen Schwester gern gesagt, aber ich sehe sie nur noch von fern.

Sie lernt etwas anderes. Weite Wanderungen gehören zu ihrer Lehre und einsame Meditationen an mir unbekannten Orten. Die Völva bleibt stets in der Nähe unserer umfriedeten Höfe. Der Wald ist tief und dicht und die Küste ist voller trockener Höhlen. Irgendwo abseits wird sie mit ihrer Lehrtochter wohnen. Wer weiß wo… Ihre Anwesenheit bringt dem Land Jarl Ruriks Gedeihen, sagen die Leute.

Unversehens ist der Stern des weißen, gehörnten Wolfs über den Himmel gewandert und der Erntemond gekommen. Jetzt sind die Nächte sehr kurz und die Arbeitstage heiß und lang. Sternschauer fallen in der Nacht, als striegelte Freya das goldene Ebervlies so kräftig, daß dessen lose Locken über den Nachthimmel stieben. Es ist wirklich ein heißer, trockener Sommer. Wenn die Sonne am höchsten steht, ruht alles Gesinde im Schatten. Ich bringe kühlen Most zu den entfernten Äckern. Nah ist der Wald und einsam ist's in seinem Schatten. Das Kleine Volk lockt mich. Ich nehme Platz auf bemoosten Steinen um ihren Kreis. Sie geloben mir, und nur mir, so ich will, bis ans Ende meiner Tage zu dienen. Sie knien im schattigen Rund ohne Schalk und Gelächter vor meinem Gesicht. Ich staune! Ich nicke, ihnen zur Freude. Dichtes Laub umgibt mich. Ein Fuchs schnürt außen am Kreis vorbei. Er gefällt mir! Lacht er mich an oder lacht er über die Tänze des Kleinen Volkes?

Ich spähe ihm nach, geschützt durch das Unterholz. Blitzende Helligkeit hüllt plötzlich den Fuchs ein. Er verwandelt sich in einen Mann. Der ist schön: rot und weiß, hoch gereckt und erregt, anmutig und stark, und seine Augen sind blau wie das Meer im Sonnenschein. Ich fühle mich mächtig zu ihm hingezogen. Viele Kleine zerren an mir. Sie bringen mich zu Fall. Vom inneren Kreis der halbhohen Steine aus sehe ich noch deutlicher in die Senke, in der der Schöne lauschend steht. Ich sehe noch mehr: Helgard am Rande der Grube! Entrückt starrt sie ins Sonnenlicht. Sie hat die Hände erhoben, von ihren Lippen scheinen lautlos Worte zu strömen. Sie erwacht jäh, verstummt und gleitet den sanften Hang hinab, direkt in die Arme des Lichtumflossenen. Er hat nur gewinkt!

Ich lasse mich von den Steinen fallen. Meine Augen kann ich schließen, meine Ohren nicht. Helgards erstem Schrei folgen lustvolle Seufzer, Stöhnen, Flügelrauschen. Ich blicke flink, wie gezwungen, durch die Zweige. Helgard windet sich über den Wipfeln, nackt, verzückt im Griff des nun geflügelten Schönen. Ihr gelöstes Haar schwebt wie eine Wolke um beider Schultern. Hände tragen sie, Arme und Falkenflügel! Sie öffnet die Lippen, sein Mund fängt sie, sein Leib stürzt auf den ihren. Helgard schlingt ihre weißen Beine um einen gefiederten Rücken. Sein Falkenschwanz steuert beider Sturzflug durch das grünglänzende Tor. Loki, der Bezaubernde, im Falkengewand der Freya entjungfert Helgard und entführt sie in eine Welt jenseits der unseren. Ich weine Tränen der Eifersucht und des Verlangens. Das erste Blut färbt meine Schenkel. Wie kommt das so schnell? Meine Mädchenzeit ist vorbei. Mein zwölfter Sommer ist gekommen.

Das Kleine Volk ist fort. Hat es mich, seine erkorene Herrin, beschützen wollen? Ich werde es irgendwann wieder sehen. Aber wird Helgard je wieder die Zeichen der Zukunft sehen? Muß sie dazu nicht Jungfrau sein? Vielleicht werde ich wagen, die Völva zu fragen. Ich bin ja kein Kind mehr. Meine täglichen Pflichten erinnern mich daran. Erntezeit ist arbeitsreich für alle. Ostara dreht die Spindel Freyas am Firmament. Die Sterne künden vom großen Kreisen des Jahres.

Der Jarl bestimmt die Männer, die ihn zum Thing begleiten sollen und die Wachen, die bleiben. Frodewin folgt dem Vater. Er wird auf dem Thing lernen Recht zu sprechen, Bündnisse zu schließen, Treue zu geloben und zu halten. Wann wird er lernen Krieg zu führen? Ich mag gar nicht darüber nachdenken. Er hat bis jetzt noch keine anderen Erfahrungen als ein paar lahme, erfolglose Angriffe sippenloser, schlecht bewaffneter Räuber auf unser westliches See Tor. Es waren jämmerliche Schauspiele, selbst ihre Boote waren untüchtig. Frodewin braucht stärkere Gegner.

Die Völva hat uns für jetzt Sicherheit prophezeit. Trotzdem bin ich froh, daß unser Verwandter Jarl Tore als Zeichen der Verbundenheit ein paar Karle geschickt hat. Mein Vater führt unsere Mannen schon durch das dritte Tor im Wall. Frodewins Trupp bildet die Nachhut.

Jetzt habe ich Zeit für Gespräche. Aber ich sitze allein am Steinkreis im Wald. Ich denke an die Schlucht mit dem goldenen Nebel und das grüne Weltentor. Habe ich zwei Tore in zwei verschiedene Welten oder ein wanderndes Tor zu Hels Welt gesehen? Beide waren nur für Helgard offen! Hels Welt war es gewißlich, in die der falkengewandete Loki meine Schwester entführt hatte. Und die Stufen, wohin führten die? War die goldgrüne Wiege unter den Wurzeln jenseits des Abgrunds ein Lager für Lokis Lust? Ich fühle noch immer den Stachel der Eifersucht, wenn ich an den schönen Mann denke, vor dem mich das Kleine Volk, das mir folgt, gegen meinen Willen bewahrt hat. Ich habe ihn gewollt! Er bekommt alle in Gewalt, der listenreiche Rote, in jeder Gestalt. Er braucht nur zu winken.

„Schwester!“ Helgard kommt wie gerufen. Ich mache mich bemerkbar, sie gesellt sich zu mir, tritt in den Kreis. Das Kleine Volk flieht. Hat Helgard es überhaupt bemerkt? So blicklos im Unglück versunken habe ich meine stolze Schwester noch nie erlebt. Und dann bricht es aus ihr heraus in Worten und Tränen. „ Alfrada! Er hat versprochen zweimal wieder zu kommen!“ Helgards hartes Schluchzen erschüttert ihren Leib. „Ist er nicht?“ Frage ich töricht. „Nicht einmal?“ Helgard schüttelt den Kopf, der auf meinen Knien liegt. „Und du bist schon schwanger?“ Es ist der Verlust, nicht die Furcht, die meine Schwester weinen läßt. Sie hebt das Gesicht, die Tränen strömen. Jäh schreit sie: „Mit Zwillingen!“ Und dann spricht sie ruhiger: „ Ich habe sie in Hels Spiegel gesehen, die kleinen Mädchen. Du wirst sie für ihn aufziehen.“ Ich frage: „Warum?“

Helgard versteht mich falsch. Sie erläutert mir nun ruhig, welche Opfer die Seherkunst der Spakona, der Völva, und die Heilkunst der Groa von ihr verlangen: Alles muß sie lassen, außer dem Dienen und Lernen, dem Wissen und Wandern. Ich hatte nicht einmal geahnt, daß unsere Völva auch die Heilkunde einer Groa beherrscht. Ich bin immer noch unwissend und kindisch. Schon wieder ertappe ich mich dabei, eifersüchtig auf meine große, schöne Schwester zu sein. Die heilende Kraft von Zaubern und Runen hätte ich auch gern gelernt!

Beschämt berichtige ich das Mißverständnis: „Ich frage dich, warum braucht ein Halbgott Kinder von einer Menschenfrau, Töchter? Ich denke sie wollen nur Lust, die Götter.“ Meine Schwester schließt die traurigen Augen und gibt mit dunkler Stimme Antwort.

„Hel sagte zu mir: Unsere göttliche Erinnerung reicht nicht so weit wie Eure, Menschenfrau. Sie wird nicht von Göttergeschlecht zu Göttergeschlecht weitergegeben. Wanen und Asen wissen nur ungefähr voneinander. Die Weltenesche wächst und altert, wie jeder Baum, hat mir Hel, die Tochter Lokis in Erinnerung gebracht. Brüchig werden die Brücken zwischen Welten und Zeiten. Heimdalls Wacht am Weg nach Midgard wird wanken, irgendwann. Vom Bau der Welten bis Ragnarök, der Götterdämmerung, herrscht ein Göttergeschlecht, dessen Taten mit ihm untergehen, dessen gewaltige Seelen unbeschädigt neu erstehen, wie neu geboren und doch ohne Kindheit.“ Helgard schweigt.

Ich habe richtig gedacht: Ein einziges wanderndes Tor ließ Helgard zweimal in Hels Reich ein, einmal zur Vorbereitung und einmal zur Vollendung der Schicksalsverknüpfung mit Loki. Meine Schwester hat das tonlos tröpfelnde Wasser, das auch ich sah, in ihren zur Trinkschale geformten Händen gefangen, darin ihr Schicksal gesehen und hat von der Quelle getrunken. Das zweite Mal hat sie den schönen Halbgott in Menschengestalt erwartet und empfangen. Und nun wartet sie wieder, verzehrt sich vor Sehnsucht. Ich war nur Zeugin der Zeugung und kann doch ihr Verlangen verstehen.

Helgard unterbricht meine Gedanken: „Und sie altern und lernen nicht, die Iduns Äpfel essen. Loki aber bewegt ihr Bewußtsein! Er erzählt ihnen immer wieder ihre eigene Geschichte, ihr stetiges Kreisen um den Göttertod. Er ist ein Beweger, Loki der Listige, der Sproß von Riese und Ase. Kannst Du Dir eine junge Midgardschlange vorstellen? Einen alten Thor? Einen toten Thor vielleicht! Neue Götter werden herrschen jenseits von Jötunheim, drei oder einer, wie der versklavte Christ uns weismachen wollte. Uns ist das Kommende noch verborgen. Auch in unserer Welt gibt es warnende Zeichen von der nächsten Götterdämmerung. Ich werde sie finden und deuten.“

Ich fürchte mich. „Darfst du mir das mitteilen, Schwester?“ Helgard besänftigt mich: Sie trage mir nur ihre eigenen Deutungen, nicht göttliche Wahrheiten vor. Und ihr Kummer sei echte menschliche Wahrheit.

Ich verstehe sie, trockene ihre Tränen und verspreche für ihre Töchter zu sorgen, wenn sie mir diese bringt. Meine eigene Deutung von Lokis zweideutigem Versprechen behalte ich lieber für mich. Ich denke nämlich, der schöne Rote versprach noch zweimal zu kommen, um jede seiner Töchter zu schwängern. Loki braucht eine Streitmacht. Blutsbande sind fest. Selbst die menschlichen Ahnen binden unsere Sippen dauerhaft aneinander. Loki wird die Toten von Ruriks Sippe rufen, wenn er sie braucht. Vorher freilich müssen sie leben und gedeihen.

Welten treiben auseinander, Zeit vergeht und Tod geht um. Aber Leben und Erinnerung werden weiter gegeben, solange es Zeugung und Zeugen gibt. Ich werde Zeugnis ablegen müssen. Niemand weiß von Helgards Schwangerschaft, nur die Völva und ich. Diese bringt mir meiner Schwester Mädchen. Niemand fragt die Völva, was sie tut und warum! Nach drei Sommern sind mir die Zwillinge wie eigene Töchter. Sie wachsen im Gewühl der Kinder von Jarl Ruriks zahlreichem, weiblichen Gesinde auf. Es sind viele, meistens kleine Krieger. Meine Mädchen glänzen unter ihnen wie Morgenrot und Abendrot. Sie werden von Göttern, Menschen und geringeren Geistern geschützt. Weil ich des Kleinen Volks erkorene Herrin bin!

Die jährlichen Überfälle von der Seeseite haben unseren Ländereien nie geschadet. Jedoch neue Scharen dringen in diesem Jahr von Nordosten über Land vor. Mit Jarl Tore haben wir viele starke Verbündete gewonnen. Tore und seine Sippe schützen uns nach Osten, im Westen ist das Meer, der Süden ist gegen die Franken durch unsere, Jarl Ruriks, Karle gesichert.

Frodewin und seine jungen Männer sind seit dem Verspruch mit Blitgard am Thing auf großer Fahrt. Jarl Rurik ist mit vielen Karlen für König Harald unterwegs. Meine Schwester Helgard kündete von Erfolg für die Unternehmungen, ehe die Völva auch mit ihr von dannen zog.

In kommenden dritten Winter wird es schwierig werden, wenn Landräuber von Norden einfallen. Zwei Grenzen sind zu schützen, Süd und Nord. Die uns gebliebenen Karle und Knechte sind inzwischen zu alt oder noch zu jung. Und Sklaven arbeiten, sie kämpfen nicht. Ich spüre die Verantwortung drücken. Wunna fürchtet sich. Sie will ihre Söhne, die mit dem Jarl zogen, oder folgen Frodewin folgten, lebend wiedersehen. Werden Jarl und der Erbe endlich wiederkehren?

Goldenes Laub und goldene Sonne auf stiller See locken mich auf die Klippen. Die jungen Mägde und Kinder sammeln Vogeleier. Aus dem Heidekraut lugt vergnügt ein Landwicht. Er weist mit spitzem Fingern auf die glitzernde, stille See. Ich folge dem Hinweis und werde belohnt: Die Boote mit dem Drachenkopf, Jarl Ruriks Boote kommen heim in großer Zahl. Ein Glück, das ich noch nicht teilen will. Aber vom Lande her nähert sich Helgard. Sie ist wieder da und weiß es schon! Helgard! Ich hatte gehofft, das Glück verkünden zu dürfen.

Am Abend in der Halle, als die siegreichen Männer prahlen und feiern, winkt mich der Jarl zu sich. Mein Vater spricht mit mir das erste Mal ohne alle Vorbehalte. Er lobt kenntnisreich meine Hofhaltung. Dann spricht er vom Kriege. Ich erfahre Wichtiges: Vom Verrat des Königs, von erloschenen Treueverpflichtungen. Harald Blauzahn hat unseren Göttern die Treue gebrochen. Am Poppenstein hat er die Taufe genommen. Sein Sohn Sven Gabelbart verübelt ihm das. Streit zwischen Vater und Sohn, wechselnde Bündnisse unter den Jarlen und streunende Räubersippen machen das ganze Land unsicher. Jarl Rurik ist wahrlich zur rechten Zeit zurückgekehrt.

Helgard ist auch nicht zufällig am Hof. Sie, die Spakona, wird Wissen verkünden. Runen müssen geworfen und gedeutet werden: Schicksalszeit, Wendezeit. Helgard kann aus den Runen die Zukunft deuten. Das wird die Entscheidungen des Jarls beeinflussen. Wird er Harald Blauzahn oder Sven Gabelbart folgen?

Heute Nacht will Helgard an den Ahnengräbern wachen. Die Geister der Toten tragen ihr heimliches Wissen zu. Hel hindert die Zusammenkunft der Toten mit der Seherin, nicht. Die Götter können ihre eigene Zukunft nicht sehen. Sie erleben ihre Gegenwart vielfach und immer neu. Sie vergessen sie sofort. Hel beneidet die menschliche Seherin nicht. Ein Menschenleben ist kurz. Bald fällt es Hel anheim. Die Kunst einer Völva fügt Glied um Glied, über Zeit und Raum, die Kette der Kunde für Menschen und Götter zusammen.

Wie sie das tut, das ahne ich so ungefähr. Im Schlaf kommen Wahrträume, der Körper schläft. Die Seherin reist als Vogel oder Fisch in andere Welten und Länder. Helgard darf nicht viel über ihre Lehre bei der Völva sprechen. Einiges hat sie mir doch zugeflüstert. Ich vermute, Jarl Rurik wird bald wissen, ob sein Erbe kommt.

Erste Wintergewitter grollen hoch über mir, die wilde Jagd wird reiten. Ich wittere: Frodewin kommt! Nicht nur Helgard kann über Weiten hinweg hören und spüren. Ihr fahrender Bruder hat mich wachgerufen. Froh wecke ich Wunna. Sie scheucht die Weiber, denn sie weiß, was ich sage ist wahr. In der Bucht, vor der tobenden See und dem Schneesturm geschützt, liegen Frodewins Langboote. Die Wache hat das Seetor geöffnet und schon wieder geschlossen. Der steile Pfad leuchtet im tanzenden Fackellicht. Das Gesinde zieht den Männern entgegen, hilft, hebt und trägt. Ich stehe darüber auf steiler, vom Sturm umtoster Klippe. Frodewin ist der Letzte, der kommt. Er übergibt Wunna ein vermummtes Mädchen und seine Fackel. Dann springt er hoch in den Wind auf die Wand. Ein letzter Blitz beleuchtet ihn. Frodewin ist ein Mann. Ich höre seinen freudigen Ruf im Donnergrollen: „Alfrada, ich bin heimgekommen zu dir!“

Ehe der Erbe vor unseren mächtigen Vater tritt, vernimmt er von mir Helgards Geheimnis. Über Lokis Tun lacht mein Bruder lauter als der ferne Donner tönt. Als ich ihm von dem Treueschwur des Kleinen Volkes erzähle, zieht er mich an sich. Ganz nah ist sein Bart an meinem Hals: „Das bleibt unser Geheimnis! Helgard und der Halbgott müssen nicht alles wissen!“ Mein Bruder Frodewin hält mich umschlungen, führt mich zur hohen Halle.

Thor grummelt noch einmal. Das Sternbild, das Wunna „Odins Wagen“, Helgard „Freyas Spindel, die Ostara dreht“ und Jarl Tore „Thors Gürtel, an dem er Loki mit sich schleift“ zu nennen belieben, glänzt verführerisch. Ich werfe meine Fragen hinauf: „Loki, wohin lenkst du den Donnerer, während er dich schleift? Loki läßt du dich von mir verführen?“ Es nützt mir nichts. Loki achtet meiner nicht, wenn ich ihm nicht als Zeugin seiner Zeugung diene. Lange, viel zu lange habe ich jungfräulich seiner geharrt. Er kommt nicht.

Ich weiß es, Frodewin nicht. Er sieht mich an, als wäre er zornig, aber dann… Ich halte den Atem an ohne seinen Augen auszuweichen. Er nickt, geleitet mich unter dem Pferdekopf am geschnitzten Firstbalken in die Halle unseres Vaters. Frodewin legt mir, ehe er, vorbei an den Feuergruben, zum Hochsitz des Jarls schreitet verstohlen schweres Gold um den Hals. Das baumelnde Kleinod sieht fast aus wie Thors Hammer, fast. Ich verberge das Gold, um mich zunächst meinen Pflichten als Herrin des Hauses zu widmen: Met in geschwungenen Hörnern, klangvolle Begrüßungen, Freude in Fülle fesseln meine Sinne. Vor dem Hochsitz häuft sich Beute.

Helgard weckt mich vor der Morgendämmerung. Sie nimmt Abschied, denn weit in den Norden wird sie ziehen, zu horchen, zu heilen und zu künden. Ich soll ihr Mittler sein. Ich soll Bündnisse für unsere Nordgebiete anregen. „Wir werden sie brauchen. Schaffe Bündnisse mit unserem Blut. Du allein weißt warum: Ruriks Linie bringt Segen und Segen ist Kraft!“ Es wird alles so kommen, wie sie will. Ich vertraue ihr. Mein Wissen um ihre Mutterschaft behalte ich für mich. Mein Schweigen soll Helgard Schaden und Schmerz ersparen. Niemand wird ihre Ehre schmälern, solange ich Herrin auf Jarl Ruriks Hof bin. Niemand wird erfahren, was die Nornen ihr und ihren Töchtern woben. Ich will die Schicksalsfäden fein und fest verknüpfen, wenn die Zeit kommt. Das aber ist ein anderes Geheimnis.

 

Copyright: © 2016 Xenia D. Cosmann
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